KULTUR / FEUILLETON
Kritik
LEO Chlebusch Rezension Hägg

 

De Rhetorika

Wenn Politiker sprechen könnten

 

Von Michael Chlebusch


Der schwedische Autor Göran Hägg hat ein Buch geschrieben. Es heißt "Überreden – Überzeugen – Gewinnen: 30 kleine Lektionen in moderner Rhetorik" und enthält eben diese nebst kurzem Glossar lateinischer Fachbegriffe. Er beschreibt darin interessant, humorvoll und mit aktuellen Beispielen, wie es mit Hilfe der Rhetorik gelingen kann, den eigenen Standpunkt anderen Menschen plausibel zu vermitteln.

So weit so gut. Doch die Lektüre dieses Buches gibt durchaus zu denken. Beispiel: Die Analyse einiger Reden George W. Bushs aus dem Wahlkampf 2000, in dem er gegen den scheinbar in allen Belangen überlegenen Al Gore zumindest rhetorisch klar gewann. Reden so voll gestopft mit Phrasen, Pathos und offensichtlichen rhetorischen Tricks, dass es dem europäischen Durchschnittshörer eigentlich zum Erbrechen gereichen müsste. Nicht so dem amerikanischen Wähler, auf den diese Formeln schließlich zugeschnitten sind. Dieser hebt den ausführenden Redner sogar ins Präsidentenamt.

Zum Glück, denkt man, ist der Bundesbürger erstens mittlerweile gegen derartige sprachliche Augenwischerei resistent und zweitens vor eben dieser sicher, weil der Bundestagsabgeordnete an sich sowieso nicht in der Lage ist seine Argumente, so er denn welche hat, vernünftig zu artikulieren.

Denkste! Weil erstens „das menschliche Gehirn, das wir ja beeinflussen wollen, dasselbe geblieben ist“ – so Hägg im Vorwort seines Buches – und zweitens selbst das konservativste CSU-Mitglied den Charme und die Wortgewandtheit eines Gregor Gysi erkennen muss.

Vielleicht steht ja die Redekultur der deutschen Politik auch unter dem Motto „unter den Blinden ist der Einäugige König“? Wahrscheinlicher aber ist, dass wir verbale Beeinflussungsversuche seitens unserer Politiker genau wie Bushs Hörer gar nicht bemerken, ja bei guter Rhetorik auch gar nicht bemerken dürfen.

Das Studium von Göran Häggs Buch ist daher fast unumgänglich – für alle! Nicht nur um geistigen Manipulationen vorzubeugen, sondern auch um selbst gegen die größten rhetorischen Fauxpas gewappnet zu sein, sollte man einen genaueren Blick in Häggs Werk riskieren. Jeder kann schließlich einmal in die unangenehme Situation kommen sich einem ihm überlegenen oder feindselig gesonnenen Publikum gegenüber zu sehen. Es kann auch nicht schaden zu wissen, wie man auf Verleumdungen und Desinteresse reagiert oder wann man besser Bescheidenheit und wann Selbstbewusstsein demonstriert. Verwendung natürlich ausschließlich im Dienste der Wahrheit! Schließlich soll es ja immer um Inhalte gehen, nicht um Schönrednerei!

Zugegeben, die Rhetorik hilft uns oft auch darüber hinweg, dass es gar keine Inhalte gibt. Nicht so jedenfalls in Göran Häggs Fall. Da stimmt beides – unterhaltsam und verständlich sind seine Ausführungen daher allemal.

"Überreden – Überzeugen – Gewinnen: 30 kleine Lektionen in moderner Rhetorik" ist erschienen im Verlag C.H. Beck.

Veröffentlicht am 07.12.2004
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