KULTUR/FEUILLETON
Feature
LEO Bader Klingonisch

 

Beitrag Schreibwettbewerb 2003
3. Platz


Klingonisch und Co.

Über Entstehung, Aufbau und Bedeutung fiktiver Sprachen

Von Corinna Bader


TaH pagh taHbe'. DaH mu'tIHeghvam vIqelnIS.
Schon vor gut einem Jahrzehnt wurde ein gewisser Captain Kirk auf der Kinoleinwand von einem finster drein blickenden Hünen mit zerfurchter Stirn darauf hingewiesen, dass er Hamlet erst richtig genießen würde, wenn er ihn in der klingonischen Originalfassung lese. Und es gibt ihn tatsächlich, den Hamlet auf Klingonisch. Der Eingangsatz bedeutet nichts anderes als: "Sein oder Nichtsein. Das ist hier die Frage.".

Die Zahl der Sprachen

Auf der Welt gibt es eine schier endlose Sprachenvielfalt, die sich mit einer bestimmten Zahl nur schwer festlegen lässt. Gründe dafür sind, dass sich manche Einzelsprachen schwer von Dialekten abgrenzen lassen und sich Sprachen auch weiter entwickeln. Einige Sprachen werden nur noch von sehr wenigen Menschen gesprochen, und sind, wie zum Beispiel Hawaiianisch, vom Aussterben bedroht. Deshalb schwanken die Schätzungen von Experten in der breiten Spanne zwischen 3 000 und 10 000 Einzelsprachen. Doch eines haben alle diese Sprachen gemeinsam: sie haben sich im Laufe der Evolution des Menschen entwickelt und so viele Jahrtausende gebraucht, um in ihrer jetzigen Form zu existieren. Es sind also natürliche Sprachen.

Künstliche Sprachen

Dem komplex denkenden und kreativen Menschen scheint diese Vielzahl von Sprachen jedoch nicht zu genügen, um sich in jeder Lebenslage auszudrücken. Daher gibt es eine kleine Gruppe künstlich geschaffener Sprache für verschiedene Zwecke, die mit den bestehenden Sprachen nicht erfüllbar wären. Hier stellt sich die Frage, ob solche erfundenen Sprachen wirklich nützlich sind. Bringen noch mehr Sprachen nicht noch mehr Kommunikationsprobleme mit sich?

Bekannte Welthilfssprachen
Volapük - 1880 Johann Martin Schleyer
Esperanto - 1887 Ludwig Lazarus Zamenhof
Idiom Neutra - 1902 V. K. Rosenberger
Latino Sine Flexione - 1903 Giuseppe Peano
Ido - 1907 Louis de Beaufront und Louis Couturat
Occidental - 1922 Edgar von Wahl
Novial - 1928 Otto Jespersen
Interlingua - 1951 Internat. Auxil.Language Association
Glosa 1981 W. Ashby und R. Clark

Nicht unbedingt. Welthilfssprachen zielen genau auf das Gegenteil ab, bessere Völkerverständigung. Der polnische Augenarzt Zamenhof entwickelte 1887 den wohl bekanntesten Vertreter, das Esperanto. Das Esperanto ist auf der Basis existierender romanischer und germanischer Sprachen aufgebaut und besitzt eine einfach erlernbare Struktur. Idee war es, überall auf der Welt Esperanto als Zweitsprache zu lehren, um so die Völkerkommunikation zu erleichtern. Doch Zamenhofs Vision und auch andere Versuche Welthilfssprachen einzusetzen, blieben erfolglos.

Neben dieser Form künstlicher Sprachen verwendete man bereits im alten Griechenland Geheimsprachen, um wichtige Botschaften verschlüsselt zu übermitteln. Eine weitere Erscheinungsform künstlicher Sprache hat man bei Kindern, insbesondere bei Zwillingen, beobachtet. Mitunter kommunizieren diese in erdachten Sprachen, welche nur sie selbst verstehen.

Auch die mögliche Kommunikation mit Außerirdischen bietet ein Feld für das Erfinden von Sprachen. Zu diesem Zweck entwickelte Hans Freudenthal die Lingua Cosmica, welche gänzlich auf mathematischer Basis aufgebaut ist. Schließlich gibt es noch die große Gruppe fiktiver Sprachen, welche für bestimmte Bücher, Geschichten oder auch für Filme und Serien erfunden wurden.

Fiktive Sprachen

Der Begriff "fiktiv" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "erdichtet" oder "erfunden", weshalb auch alle literarischen Texte als fiktiv bezeichnet werden. Unter fiktiven Sprachen versteht man demnach frei erfundene Sprachen. Man kann sie in ihrer Funktion von anderen erfundenen Sprachen abzugrenzen.
Fiktive Sprachen werden vor allem als Bereicherung für Texte in Büchern oder Filmen eingesetzt. Nachvollziehbar wird dies an einem Beispiel. Wenn ein Autor ein Buch über das Zusammentreffen von Extraterrestriern mit den Menschen verfasst, wirkt es dann nicht authentischer, wenn der Autor den Aliens eine eigene Sprache gibt? Andererseits ist davon auszugehen, dass der Leser weiß, die Geschichte ist nur erfunden. Wozu also die ganze Mühe? Science Fiction
Sammelbegriff für Literatur, die sich auf Basis naturwissenschaftlicher und technischer Kenntnisse mit phantastischen oder utopischen Inhalten, häufig Zukunftsvisionen, beschäftigt.

Hier spielt der der Zweck literarischer Werke eine Rolle. Science-Fiction-Literatur soll den Leser in eine Welt entführen, die völlig anders als die normale Realität ist. Eine Zukunftsvision sollte so gestaltet sein, dass der Leser sich vorstellen kann, selbst in dieser erfundenen Welt zu leben. Und um den hierzu nötigen Realismus zu schaffen, ist die Entwicklung spezieller fiktiver Sprachen für erfundene Völker ein gutes Mittel. Aber auch das Interesse am Spielen mit Sprache und das Austestenwollen der eigenen Fähigkeiten können eine Motivation für den Autor sein, fiktive Sprachen gezielt zu entwickeln.

Tolkiens Erbe

Die Entwicklung der ersten fiktiven Sprache in der Literatur lässt sich zwischen 1675 und 1677 datieren. In dieser Zeit erschien das Werk "L'Histoire Des Sevarambes" des Franzosen Denis de Vairasse, in welchem zum ersten Mal ein erfundenes Volk eine eigene Sprache erhielt.
Doch in jüngerer Zeit sind weitaus mehr Beispiele bekannt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fällt vor allem John Ronald Reuel Tolkien ins Auge. Der englische Autor und Sprachwissenschaftler entwickelte gleich eine ganze Reihe fiktiver Sprachen. Jedes Volk seines erfundenen Landes Mittelerde unterscheidet sich so auch in der Sprache von den anderen. Genannt seien hier nur einmal Sindarin und Quenya, Sprachen der edlen und weisen Elben, dann das Westron, die allgemeine Verkehrssprache in Mittelerde und die Schwarze Sprache der dunklen Macht Sauron.

Nicht alle tolkienschen Sprachen sind vollständig entwickelt, manche existieren nur bruchstückhaft, aber alle fügen sich nahezu perfekt in die Erzählungen um Mittelerde ein. Es gibt Verbindungen zwischen verschiedenen Sprachen, das heißt, manche beruhen aufeinander und sind auseinander hervorgegangen. Wie in der Realität gibt es Mundarten und vom Aussterben bedrohte Sprachen. Tolkien entwickelte sogar verschiedene Schriften für einige seiner fiktiven Sprachen. Elbische Buchstaben sehen beispielsweise so aus:

 

Merkmale tolkienscher Sprachen

Quenya

- erste erfundene Sprache Tolkiens
Anleihen beim Finnischen
- überwiegend nasale und laterale Laute ' Sprache wirkt dadurch offen und freundlich

Sindarin
- zweite Elbensprache
starke walisische Einflüsse
- weniger vokal- u. silbenreich als Q. ' etwas rauer (Ähnlichkeit zu keltischen Sprachen)
Bsp. Elbisches Gedicht:

A Elbereth Gilthoniel
o menel palan-diriel,
le nallon sí di´nguruthos!
A tiro nin, Fanuilos!

Westron
- klanglich und grammatisch stark an Altenglisch und Altnorwegisch angelehnt

Schwarze Sprache
- viele Pfeif-, Zisch-, Gurgellaute
- dumpfe Vokale v.a. "u" und "a"


Klingonisch und Co.

Ein breites Feld für fiktive Sprachen bildet die Science-Fiction. Dieses Genre verlagerte sich in den letzten fünfzig Jahren zunehmend von der Literatur ins Fernsehen. Aber gerade hier bieten sich gute Möglichkeiten mit Sprache zu arbeiten. Bekanntestes Beispiel bildet die Fernsehserie und Filmreihe "Star Trek". Seit den Siebzigern werden hier unzählige Welten und Völker erforscht. Hier gibt es die klassischen Guten und Bösen. Hier gibt es Kommunikations- und kulturelle Probleme. Und hier gibt es auch verschiedene Sprachen. Vor allem Klingonisch und Vulkanisch dürften den Kultstatus schon innehaben.
Klingonisch war die erste Sprache, die im Auftrag einer Filmgesellschaft von einem Sprachwissenschaftler erschaffen wurde. Im Jahre 1984 wurde Marc Okrand von Paramount engagiert, um für den Film "Star Trek III: The Search For Spock" das Klingonische so weit zu entwickeln, dass sich ein brauchbarer Dialog daraus basteln ließ.

Ein Jahr später veröffentlichte Okrand "The Klingon Dictonary", in welchem die Grammatik der klingonischen Sprache vorgestellt wird und welches etwa 2000 Vokabeln enthält. Klingonisch erhielt zudem auch ein eigenes Schriftbild:

Wie bei vielen anderen fiktiven Sprachen steht auch beim Klingonischen der klangliche Aspekt im Vordergrund. Die Phoneme des Klingonischen sind verschiedenen irdischen Sprachen entnommen, doch es gibt keine Sprache auf der Welt, welche alle Laute des Klingonischen enthält. Entsprechend ihrem wilden Aussehen und ihren nicht sehr eleganten Manieren erhielten die Klingonen eine rau und wild klingende Sprache. Wichtige Laute im Klingonischen

Velare: am hinteren Gaumen gebildet
Bsp.: k, g
Uvulare: am Zäpfchen gebildet
Bsp.: Zäpfchen-r
Glottale: im Rachen gebildet
Bsp.: Ch in Dach

Hörbeispiel Hamlet:

startrek_klingon_hamlet.mp3
Auch der zu Beginn erwähnte Hamlet erhält auf Klingonisch eine ganz eigene Note. Für Lerner der Klingonischen Sprache ist Vorsicht geboten, denn die Lautbildung kann als Nebenwirkung leichte Halsschmerzen verursachen.
Das Interesse am Klingonischen war von Anfang an groß und bis heute hat sich eine eingefleischte Fangemeinde entwickelt. Es werden neue Vokabeln ergänzt und weitere Werke terrestrischer Autoren übersetzt. Besonders im Internet setzt Klingonisch seinen Siegeszug fort. Wer das Bedürfnis dazu hat, kann bei "Google" den Internetsuchdienst auf Klingonisch benutzten.
Links im WWW
Klingonisch-Deutsches Wörterbuch
Deutsch-Klingonisches Wörterbuch
Vulkanisch-Deutsches Wörterbuch
Kleiner Vulkanischkurs

Weiterhin existiert auch ein Institut für klingonische Sprache. Hier kann man das Journal "HolQed", abonnieren, welches vierteljährlich vom Institut veröffentlicht wird.

Wenn man sich eher für Vulkanisch interessiert, welches ebenfalls von Okrand entwickelt wurde, wird man ebenfalls im WWW fündig.

Neben diesen sehr bekannten und ausgefeilten Sprachen gibt es noch viele weitere außerirdische Idiome. Meist existiert bei diesen aber kein grammatisches System, sondern die Wörter werden ganz nach Bedarf frei erfunden und in das schon bestehende Vokabular eingefügt.

Eine Sprache der Machtpolitik

Die meisten fiktiven Sprachen werden unter dem Anspruch entwickelt möglichst "echt" zu sein. Sie sollen äquivalent zu realen Sprachen stehen und haben denselben Zweck, nämlich die Kommunikation. Doch neben diesen gibt es eine erfundene Sprache, die aus einer völlig anderen Motivation heraus entstand: Das von George Orwell erfundene Newspeak, oder Neusprech in der deutschen Übersetzung. Für den 1948 verfassten Roman "1984" entwickelte er eine Sprache, die vor allem auf die Reduzierung des Vokabulars gezielt war. Gründe finden sich im Inhalt des Werks.

Der Superkontinent Ozeanien wird vom "Englischen Sozialismus" regiert, einer totalitären Staatsmaschinerie. Damit sich niemand mittels Sprache gegen das Machtregime auflehnt, ist aus der englischen Sprache das Newspeak entwickelt worden. Diese Sprache baut auf dem Prinzip auf, dass alle Ausdrücke, die gegen das vorherrschende Regime gerichtet sein könnten, einfach aus dem Vokabular gestrichen werden. Bestehen bleiben nur das Begriffe des täglichen Lebens, technische Begriffe und Wörter, die bewusst zu politischen Zwecken gebildet werden. Das Vermögen, seine Gedanken frei auszudrücken, ist mittels dieser Sprache nicht mehr gegeben. Beispielsweise fallen Wörter weg, die sich auch durch ihre Gegenteile ausdrücken lassen. So wird das Wort "schlecht" durch "ungut" ersetzt, welches weniger negativ wirkt. Auch fallen bestimmte Bedeutungsinhalte weg, wie zum Beispiel "frei" im politischen Sinne. Neusprech bildet somit den Inbegriff der Einschränkung der freien Meinungsäußerung und stellt eine Art der fiktiven Sprache dar, welche sich grundsätzlich von den bisher betrachteten abhebt.


Musik und fiktive Sprachen

Eine letzte interessante Verwendung fiktiver Sprachen findet sich in der Musik. Einige Musikgruppen erfinden ihre Texte frei, verwenden also eine Art fiktive Sprache für ein bestimmtes Lied. So zum Beispiel das Lied "Ameno" von Era. Den Songschreibern ist es hier gelungen, Anklänge aus der lateinischen Sprache einfließen zu lassen. Durch die Verwendung von möglichst wenigen verschiedenen Silben und Wörtern aus insgesamt nur 12 Buchstaben wurde der Text dem Stil Gregorianischer Gesängen angepasst. So entsteht für das Ohr des Hörers der Eindruck eines offenbar lateinischen Textes. Es wird deutlich, dass besonders in der Musik der phonetische Aspekt im Vordergrund steht, um das Klangerlebnis so ausdrucksstark wie möglich zu gestalten. Der inhaltliche Sinn des Textes spielt keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

Ein weiteres Beispiel zeigt, dass es auch andere Beweggründe geben kann, um einen Musiktext in einer Phantasiesprache zu gestalten. Im Vorfeld des "Grandprix de l' Eurovision de la Chanson 2003" war in Belgien diskutiert worden, ob der diesjährige Beitrag auf Französisch oder auf Flämisch gesungen werden sollte. Die Gruppe Urban Trad ging einem Konflikt dieser Art aus dem Weg, indem sie sich entschloss eine Alternative zu wählen und ihren Song in einer erdachten, fiktiven Sprache abzufassen. Der Erfolg blieb nicht aus. Das Lied "Sanomi" landete auf dem zweiten Platz. Vom Charakter unterscheidet es sich stark von "Ameno", da die vielen a-, e-, und i-Laute eine helle, freundliche Atmosphäre schaffen. Im Gegensatz dazu wird bei "Ameno" durch dumpfe Laute die eher düster-geheimnisvolle Atmosphäre unterstützt. Die Songtexte
von Era und Urban Trad

Ein Blick in die Zukunft

Von vielen Menschen werden die fiktiven Sprachen übersehen, aber im literarischen, filmischen und wie gesehen auch im musischen Bereich haben sie dennoch eine wichtige Bedeutung. Sie regen unsere Phantasie an und perfektionieren Szenen in denen Phantasievölker auftreten. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass auch die fiktiven Sprachen weiterleben werden. Für neue fiktive Völker werden weiterhin neue Sprachen erfunden und in bestimmten Gruppen werden die bestehenden untersucht und so nicht in Vergessenheit geraten. Denn wie von allem Fremden geht von fiktiven Sprachen eine ganz besondere Faszination aus.


Informationen zur Autorin:
Corinna Bader studiert Germanistik, Interkulturelle Kommunikation und Angewandte Sprachwissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz.

Mehr dazu? Fiktive Sprachen - Ein Spiel mit den Möglichkeiten. Die Trekkies von Chemnitz und ihr Steckenpferd.

Veröffentlicht am 09.02.2004
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