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Beitrag
Schreibwettbewerb 2005
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Touch your fingers, everybody...
Englischunterricht
an der Grundschule
Von Karoline Kessler
"Good Morning, children!"
"Good Morning, Misses Grimm!" Aus dreißig Kehlen schallt der
Grundschullehrerin die Antwort entgegen. Das Klassenzimmer der 3a der Kunigundenschule
in Bamberg, Mittwoch, 10.35. In Dreierreihen stehen die kleinen Tische nebeneinander,
dazwischen ist immer ein Gang breit Platz. Es sind genau zehn, und alle Stühle
sind besetzt. Außerdem sitzen ganz hinten noch fünf Studentinnen,
ebenfalls auf den Kinderstühlen.
An der Tafel hängen bereits Zeichnungen auf buntem Tonpapier. "Can
anybody tell me what this is?" Fünf Hände schnellen in die
Höhe. "Only five children know it? Come on." Das blonde Mädchen
aus der letzten Reihe liegt schon fast über dem Tisch, so hoch reckt
sie ihre Hand. Doch Ingrid Grimm fragt einen kleinen Blondschopf. Und auch
der weiß die Antwort: "Körperteile, das sind die Körperteile."
"Very good, Daniel." Daniel heißt in Wirklichkeit Sven, Claire
Hanna und Johnny Thomas. Alle Kinder der 3a der Kunigundenschule schlüpfen
zwei Mal in der Woche für jeweils 45 Minuten in eine andere Identität,
in der Englischstunde werden sie ausschließlich mit ihren englischen
Namen angesprochen.
Ingrid Grimm kann gut mit Kindern umgehen. Die resolute Frau mit den langen
blonden Haaren und den kleinen Lachfalten um die Augen ist schon seit über
20 Jahren Grundschullehrerin, seit sechs Jahren unterrichtet sie Englisch.
Für heute hat die 47-Jährige die wichtigsten Körperteile groß
gezeichnet und jeweils auf Pappschilder die englischen Bezeichnungen geschrieben.
Nacheinander kommen Kinder an die Tafel, und ordnen die Körperteile den
Zeichnungen zu. Wörter wie "nose" oder "arm" bereiten
dabei keine Schwierigkeiten. Aber auch schwierige Wörter meistern die
Kinder, die kleine Mary weiß sogar, für was "shoulder"
steht. Da es an der Tafel keine passende Zeichnung gibt, steht sie ein bisschen
unentschlossen herum. "Show us your shoulders", ermuntert die Lehrerin,
und das Mädchen legt sofort beide Hände auf ihre Schultern. "Very
good, my dear." Ingrid Grimm spart nicht mit Lob und Mary hüpft
zufrieden an ihren Platz.
Der Englisch-Unterricht in der Grundschule verläuft spielerisch, Ingrid
Grimm singt häufig mit den Kindern. "Get up, children, let´s
sing a song." 30 kleine Stühle rücken, beim ersten Mal singt
die Lehrerin fast alleine: "Touch your fingers, touch your toes, touch
your head and teach your nose." Alle Bewegungen macht sie vor, die Kinder
langen sich eifrig zeitversetzt an Nase, Kopf und Knie. Nur aus der letzten
Reihe hört man deutlich: "touch your lips and touch your toes."
Die kleine Claire singt aus Leibeskräften. Gleich nach dem Lied meldet
sie sich: "Ich kenn das Lied schon, von meiner großen Schwester!"
Auch ihre große Schwester hatte schon bei Ingrid Grimm Englisch-Unterricht.
Für Claire und ihre Schwester ist der Englisch-Unterricht besonders
wichtig, ihr Vater ist Amerikaner. In der Bamberger Gartenstadt, wo die Schule
steht, keine Seltenheit. Trotzdem ist kein einziges Kind in der Klasse bilingual
aufgewachsen. "Es ist heute absolut unerlässlich, dass die Kinder
Englisch lernen! Und hier in der Gegend ganz besonders." Ingrid Grimm
selbst hat in viele Jahre in Spanien gelebt, die nächsten drei Jahre
wird sie in Ägypten als Lehrerin arbeiten. Deutsch spricht sie nur in
Ausnahmefällen, um sicher zu gehen, dass die Kinder sie verstehen. "Count
the bodyparts!" fordert sie ihre Schüler auf, und dann fragt sie
doch auf deutsch nach: "Was sollt ihr machen?" "Die Körperteile
ausmalen", vermutet Johnny. "Nein, wir sollen sie ausschneiden,"
verbessert ihn Lukas. In der Zwischenzeit ist Claire vor Eifer schon aufgesprungen.
"Zählen, wir sollen sie zählen", seufzt sie, als sie schließlich
aufgerufen wird. Die Klasse 3a der Kunigundenschule in Bamberg lernt jetzt
seit September letzten Jahres Englisch, und dafür verstehen die Kinder
erstaunlich viel.
Die Studentinnen hinten im Klassenzimmer schreiben jedes Wort der Lehrerin
mit. Sie sind angehende Englisch-Grundschullehrerinnen und studieren an der
Universität Bamberg. Englisch ist ihr Hauptfach, das bedeutet, dass sie
neben den didaktischen Kenntnissen auch ein komplettes Fachstudium absolvieren.
Als Ingrid Grimm studiert hat, gab es Englisch an Grundschulen noch gar nicht,
sie hat gleich einen der ersten Fortbildungslehrgänge an der Akademie
für Lehrerfortbildung in Dillingen absolviert, die zweite Möglichkeit
der Qualifikation, um Englisch an Grundschulen unterrichten zu dürfen.
Seit sechs Jahren wird in Bayern mittlerweile Englisch an Grundschulen gelehrt,
die Kunigundenschule war eine der Modellschulen. Noten gibt es in Englisch
keine, dementsprechend kann auch kein Kind wegen Englisch durchfallen. Seit
diesem Jahr ist es ab der 3. Klasse Pflichtfach. Bisher hat Ingrid Grimm damit
nur gute Erfahrungen gemacht: "Die Kinder sprechen zwar oft nicht viel,
aber sie lernen zu verstehen, ohne sich groß anzustrengen."
Und auch Claire freut sich über die Englisch-Stunden: "Ich versteh
jetzt fast so viel wie meine große Schwester, und mit meinem Papa rede
ich auch schon Englisch."
| Informationen zum Verfasser:
Karoline Kessler ist
Absolventin des Studiengangs Diplom-Germanistik an der Otto-Friedrich-Universität
Bamberg. |
zu
den Wettbewerbsbeiträgen 2005
Veröffentlicht
am 01.05.2006
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