AUSBILDUNG / BERUF
Bericht
LEO Marth Graphologie

 

Der Charakter in der Handschrift

Graphologie: Prinzip Zufall oder seriöse Persönlichkeitsanalyse?



Von Sarah Marth


Die Deutung der Persönlichkeit anhand bestimmter Merkmale liegt bei allen, die mehr über sich und andere erfahren wollen, stark im Trend. Zu diesen Methoden gehört auch die Graphologie, also die Analyse der Handschrift. Doch was ist Graphologie und was kann sie leisten?

Graphologie ist die Deutung des Charakters aus der Handschrift und eine der ältesten Methoden eine Person zu charakterisieren, da sie bereits vor 1000 Jahren in China Anwendung fand. Das erste Buch über Graphologie erschien bereits 1622 in Italien von Camillo Baldi. Jedoch erhielt die Graphologie erst vor circa 100 Jahren von Abbé Jean-Hippolyte Michon eine theoretisch- psychologische Deutungsgrundlage. In Deutschland haben Ludwig Klages und Max Pulver die Graphologie Anfang des 20.Jahrhunderts populär gemacht. 1896 gründete Klages die Deutsche Graphologische Gesellschaft und veröffentlichte Bücher, die heute als Standardwerke gelten. Die Graphologen ordnen bestimmten Schriftmerkmalen Eigenschaften zu, indem sie Schriftproben von zum Beispiel besonders kriminellen Menschen auf Ähnlichkeiten untersuchen. Auf diese Weise entstand ein Schema, auf dessen Grundlage die graphologischen Analysen durchgeführt werden.

Graphologie heute
Heute finden sich zum Beispiel im Internet zahlreiche Seiten zur Graphologie. Die Angebote reichen von rein informativen oder kritischen Artikeln bis hin zu Schulungen, Selbsttests oder Werbeangeboten von Graphologen.
Die Graphologie ist heute jedoch, im Gegensatz zu den 1980er und 1990er Jahren, stark umstritten. In der Schweiz und in Frankreich wird sie zwar immer noch von Unternehmen eingesetzt, in Deutschland dient sie aber in nur 15 Prozent der Fälle bei der Bewerberauswahl als Hilfe, da ihre Seriosität von Firmenchefs angezweifelt wird.

Dies liegt vor allem daran, dass sie auf keiner wissenschaftlichen Basis beruht. Es gibt keine Beweise für das Übereinstimmen von Persönlichkeitsmerkmalen und Handschrift. Von Kritikern wie Adrian Furnham werden die Analysen als bloßes Einfühlen und die Ergebnisse als vage Einschätzungen bezeichnet, da sie meist auf dem subjektiven Empfinden des Graphologen basieren.

Sarah Marth macht den Selbsttest:
In Graphologie durchgefallen
Oder: Warum man graphologische Gutachten mit Humor sehen sollte

Der Wahrheitsgehalt der graphologischen Gutachten ist meist schwer zu bestimmen, da sich die Graphologen oft in allgemeine und schwammige Charakterbeschreibungen wie „großmütig“ flüchten. Der israelische Psychologe Gershon Ben-Shakhar hat allerdings in einer Studie herausgefunden, dass die Einschätzungen bei strikter Methodeneinhaltung stärker daneben lagen. In einer weiteren Studie verglich der Psychologe graphologische Bewerbungsgutachten einer israelischen Großbank mit den Einschätzungen der Vorgesetzten, die nach dreijähriger Arbeitszeit vorgenommen wurden. Der Übereinstimmungs-Koeffizient zwischen graphologischem und Vorgesetzten-Urteil lag mit Werten zwischen 0,07 bis 0,42 unterhalb der Signifikanzgrenze und nahe an dem Bereich, der durch das Lesen von Kaffeesatz zustande kommt. Ein Psychologe übertrumpfte sogar allein durch die Interpretation des Lebenslaufs und von dessen Grammatik die Exaktheit der Schriftexperten.

Besonders problematisch wird es, wenn die Schriftprobe keine persönlichen Informationen enthält (wie bei einem Lebenslauf), sondern zum Beispiel aus einer Zeitung abgeschrieben wurde. Dann gleichen die Ergebnisse mehr einem zufälligen Erraten, obwohl der Inhalt des Geschriebenen eigentlich nebensächlich sein sollte. Doch wobei kann die Graphologie hilfreich sein?

Funktionen der Graphologie
Laut Graphologen kann eine Analyse der Handschrift für alle Lebensbereiche nützlich sein. Die Persönlichkeitsanalyse trage zur Selbstfindung und Entdeckung der eigenen Stärken und Schwächen bei. Ebenso soll die Graphologie es ermöglichen, den passenden Partner zu finden oder die bestehende Beziehung glücklicher zu gestalten. Jugendliche werden unterstützt, Erwachsene beraten und der Traumberuf bestimmt. Es gibt sozusagen kein Problem, auf das die Graphologie nicht eine Antwort habe, erklärt die Graphologin Ingeborg Fellerer.

Am häufigsten wird die Graphologie jedoch von Unternehmen bei der Bewerberauswahl verwendet. Vor allem bei der Besetzung von Führungspositionen sollen die Analysen, aufgrund des handgeschriebenen Lebenslaufs, Aufschluss über Engagement, Eignung und Teamfähigkeit geben, um den passenden Bewerber zu finden.

Auf was achtet die Graphologie?
Graphologen legen in ihren Analysen Wert auf zahlreiche Einzelmerkmale. Dazu gehören unter anderem Größe der Schrift, Verbundenheit oder Unverbundenheit der Buchstaben, Druckstärke, Schrägheit, Zeilenabstand, Winkel, „i“ Punkte, Linksläufigkeit sowie Schnelligkeit und Gleichmäßigkeit des Schreibens. Managerschriften zum Beispiel, die besonders stabil, gleichmäßig und druckstark sind, verraten eine Eignung für ihren Beruf.

Ein Schriftmerkmal, der so genannte Winkel, bei dem die Schriftführung bei den Buchstaben m und n nicht rund sondern eckig ist, zeigt Durchsetzungsfähigkeit oder Abwehr und Anpassungsschwierigkeiten. Der Winkel ist auch ein Symbol für Härte und Männlichkeit.


Winkelschrift


Entschiedener, bestimmter Ausdruck


Verhaltener Eindruck

Dabei kommt es darauf an, wie die Schrift im Gesamtbild wirkt. Wenn sie einen entschiedenen und bestimmten Eindruck macht, deutet das darauf hin, dass der Schreiber seine Ziele auf direktem Weg erreichen kann; wirkt das Gesamtbild eher verhalten, ist das ein Zeichen von Abwehr und Anpassungsschwierigkeiten.

Die Unverbundenheit der Buchstaben kann wiederum eigenständige und analytische Denkweise oder Unsicherheit und Bedenkenhaftigkeit verraten, da der Schreiber keinen kontinuierlichen Schreibfluss aufweist. Je unsicherer und verhaltener die Schrift wirkt, desto mehr sind auch Unsicherheiten in der Psyche des Menschen zu erkennen.


Unsicherer und verhaltener Eindruck


Entschiedener und bestimmter Eindruck

Wenn in einem Wort mehr als drei oder vier Buchstaben miteinander verbunden sind, bezeichnen das die Graphologen als Verbundenheit.


Verbundenheit

Dies ist ein Zeichen für Bestimmtheit und psychische Stärke oder auch für Berechenbarkeit und Verlässlichkeit, die in Sturheit und Unflexibilität enden können. Im Allgemeinen ist die Verbundenheit der Buchstaben ein Zeichen für Beständigkeit, die sich positiv wie auch negativ bei den betroffenen Personen äußern kann.


Linksläufigkeit

Bei allen Bewegungen in der Schrift, die einen zügigen Ablauf nach rechts behindern oder Bewegungen, die stark nach links ziehen, sprechen die Graphologen von Linksläufigkeit. Auch kreisförmige „i“ Punkte sind linksläufig. Die Schriftgutachter assoziieren mit der linken Seite die Vergangenheit, was bedeutet, dass Menschen, die linkläufig schreiben, gerne in der Vergangenheit schwelgen oder in Erinnerungen verharren. Links steht aber auch für das Ich, was auf Egoismus oder Introvertiertheit und Nachdenklichkeit schließen kann.

Da es also für jedes Einzelmerkmal eine Fülle von möglichen Charaktereigenschaften gibt, sehen die Graphologen zunächst auf das Gesamtbild der Schrift. Erst nachdem bestimmt ist, ob sie eher rhythmisch, gesteuert, einheitlich oder bewegungsbetont wirkt, kann die genaue Bedeutung der Einzelmerkmale zugeordnet werden. Je mehr das Gesamtbild dabei von der Norm, die in der Schule gelernt wurde, abweicht, desto origineller und individueller ist auch der Mensch. Jedoch weist Ingeborg Fellerer darauf hin, dass dieses Wissen nicht von Laien auswendig gelernt werden darf, sondern eine spezielle graphologische Sichtweise für die komplexe Analyse benötigt wird, die erst in der Ausbildung zum Graphologen erlernt werden kann.

Ausbildung zum Graphologen
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Graphologieseminare an Hochschulen im Bereich der Psychologie angeboten. Da die Graphologie heute jedoch kritisch beurteilt wird, fiel das Lehrangebot in diesem Bereich weg. Die Ausbildung zum Schriftexperten wird nun unter anderem von „Signatura“ oder dem Berufsverband Geprüfter Graphologen geleistet. Signatura in Norderstedt bietet Direktunterricht in Hamburg oder Fernlehrgänge über das Internet an. Voraussetzungen an die Teilnehmer der Kurse bestehen nicht, da der Schulabschluss oder die Vorbildung keine Rolle spielen. Jedoch wird ein Mindestalter von 21 Jahren festgesetzt.

Die Kursteilnehmer können beim Fernlernkurs im Angebot zwischen den Lehrgängen „Ausbildung zum Graphologen“ (11 Monate), „Grundkurs Graphologie“ (4 Monate) oder „Spezialkurs Unterschriftenanalyse“ (4 Monate) wählen. Das Wissen wird dabei über Lernmodule und Broschüren übermittelt.

Die Lernmodule umfassen Themenbereiche wie die Geschichte der Graphologie, Eindruckscharaktere, Einzelmerkmale der Schrift, Analyse der Unterschrift, Persönlichkeitspsychologie, Entwicklungspsychologie und Erstellung von Gutachten. Des Weiteren können Onlinetests bearbeitet werden. Anschließend findet eine Prüfung zum Diplom-Graphologen oder zum geprüften Graphologen statt. Die Prüfung zum geprüften Graphologen umfasst 12 offene Fragen zum Themenbereich Graphologie, sieben offene Fragen zum Themenbereich Psychologie, eine Kurzbewertung von vier Schriftproben, eine Kurzbewertung von drei Unterschriften und eine Komplettbewertung von zwei Schriftproben (Gutachten). Beim Fernunterricht bleiben 14 Tage zur Bearbeitung der Prüfung Zeit.

Der Direktunterricht findet in Wochenend- oder Abendseminare über einen Zeitraum von circa 15 Monaten statt, Inhalt der Module und Prüfung bleiben jedoch gleich. Die Ausbildung zum Graphologen kostet im Direkt- wie im Fernlehrgang circa 2000 Euro. Die Berufsbezeichnung „Graphologe“ ist jedoch nicht geschützt und somit kann sich jeder auch ohne Ausbildung als solcher ausweisen, so dass die Graphologen immer öfter mit unqualifizierten Kollegen zu kämpfen haben.

Ein graphologisches Gutachten erstellen
Für die Analyse der Handschrift, reicht es nicht, sich graphologisches Wissen selbst anzueignen, sondern es bedarf eines professionellen Graphologen. Im Internet finden sich viele Adressen von Graphologen, die Gutachten für Privatpersonen erstellen, wobei auf die jeweilige Qualifikation zu achten ist. Dazu soll der Kunde einen Text über eine DinA4 Seite (ohne Linien) mit Unterschrift einsenden. Außerdem müssen Geschlecht und Alter angegeben werden. Vorhergehende Gespräche mit dem Graphologen sind ebenfalls möglich. So kann jeder auf einfache und schnelle Weise ein Gutachten erstellen lassen, wobei jedoch, je nach Umfang der Analyse, mit Kosten von 40 bis 180 Euro gerechnet werden muss. Alles, wie gesagt, ohne Gewähr.

Beispielgutachten für eine Privatperson:
Frau A. (70 Jahre)


"Die Schreiberin macht für Ihr Alter einen ausgesprochen lebhaften und aktiven Eindruck. Sie ist natürlich, spontan und verrät in ihrem Verhalten eine starke psychische Dynamik. Sie wird von erlebnisbedingten Leitbildern geführt, weiß sich gut darzustellen, mitzuteilen und ist durchaus affektiv in ihrer Reaktionsweise.
Sie denkt anschaulich, hat ein gutes Vorstellungsvermögen und ist altersbedingt mittel konzentrationsfähig. Für sie interessante Sachverhalte werden gut aufgefaßt und ungezwungen wiedergegeben. Sie ist allgemein sehr wach, aufgeschlossen und noch von einer geistig-seelischen Spannkraft bestimmt, um die sie jüngere Menschen beneiden würden. Sie ist in ihren lebhaften Antrieben nicht voll gesteuert, erlebt dabei Haltungsverluste als negativ. Diese kann sie mit ihrem Temperament freilich leicht überspielen. Warm, ungezwungen und beweglich geht sie auf andere zu, ist äußerlich gut angepaßt bei innerem Abstand. In ihrem auf Durchsetzung zielenden Willenseinsatz ist eine fast männliche Komponente festzustellen, so daß eine Antriebsausweitung in sehr optimistischer und unvoreingenommener Art entsteht. Sie hat vor allem Tatsachen im Auge, lehnt deshalb Spekulationen aller Art ab und zeigt ein ziemliches Rechtsbewußtsein bei konservativer Grundeinstellung.Insgesamt läßt sie Individualität erkennen samt vitaler Selbstsicherheit und einer positiven Ausstrahlung auf andere. Stellt man sich auf ihre Art ein, dann kann man sich auf sie verlassen.
"

Quelle: http://www.graphologie.de/verweis04.html

Bildernachweis: http://grafodate.ch/_alles/grafo1.htm

Informationen zur Verfasserin: Sarah Marth studiert Germanistik und Politikwissenschaft an der Universität Koblenz.

Mehr dazu: In Graphologie durchgefallen. Oder: Warum man graphologische Gutachten mit Humor sehen sollte

Veröffentlicht am 13.12.2005
© Copyright by LEO. Alle Rechte vorbehalten.