LEO - Lingua et Opinio, Studentische Zeitschrift zu Sprache und Kommunikation an der TU Chemnitz


MEDIEN
Feature
LEO Bauch Boulevard

 

Beitrag Schreibwettbewerb 2003
9. Platz


Skandale, Sex und Sensationen – Die Sprache der Boulevardmedien

Ein Plädoyer für die Sprache, die jeder versteht


Von Anett Bauch


Die Headline ist knallig, ein schwarzer 72-er Schriftzug auf schrillrotem Hintergrund. Dahinter prangt ein dickes Ausrufezeichen, das Wort in der Mitte ist fett unterstrichen. Darunter ein Foto, das im Vergleich zum Text überdimensional groß ist. Die Aufmerksamkeit ist gewonnen. Bingo, der potentielle Käufer hat angebissen.

Die Boulevard-Presse muss nicht nur flott schreiben, sondern vor allem verkaufen. Denn auf der Straße gilt es die Leute einzufangen und festzuhalten. Und das gelingt. Nicht umsonst ist die BILD-Zeitung mit 4,1 Millionen Käufern und einer geschätzten Leserschaft von 12,1 Millionen die auflagenstärkste Tageszeitung in Deutschland.

Der Boulevard und seine Gäste
Boulevard-Journalismus, ein Reizwort für Medienkonsumenten, Medienkritiker und Medienwissenschaftler. Die Empfindungen sind zwiespältig: Einerseits ehrlich gemeinte Hochachtung vor dem Leistungspotential von Boulevard-Journalisten, in Kenntnis der lärmenden Übertreibung, ohne die im Straßenverkauf nun einmal nichts geht. Andererseits aber die strikte Ablehnung dieses Metiers, das Anprangern von Sensationsgier, Massenmanipulation und flachem Niveau.

"Boulevard-Journalismus bedeutet Kampf um das Geld, die Zeit und das Vertrauen des Lesers."
(Uwe Zimmer, Chefredakteur der Abendzeitung)


Wahre oder erfundene
BILD-Schlagzeile?
Wer weiß das schon ...
Aber man sollte kein verfehlten Maßstäbe anlegen. Denn schließlich ist "ein Boulevard kein sorgsam glattgeharkter Weg, sondern vielmehr eine prächtige breite Straße – plattgewalzt aus heißem Teer oder grob gepflastert: Bummelplatz mit Atmosphäre, Rummelplatz der Emotionen, Tummelplatz der Affekte und vor allem der Effekte" verteidigt der Journalist Joachim Behnke die Medien, die nicht nur informieren, sondern auch unterhalten wollen und müssen.

Boulevard-Besucher sind so vielfältig, wie die einzelnen Pflastersteine einer solchen Promenade: Berühmtheiten und Namenlose. Geldreiche und Mittellose. Gehetzte und Müßiggänger. Raufbolde und Saufbolde. Städter und Dörfler. Täter und Opfer. Gebildete und "BILD"-Leser. Denn handwerklich gut gemachter Boulevard-Journalismus berücksichtigt alle diese Interessengruppen. Und auch wenn sich manch "kluger" Kopf ausschließlich über die Regenbogen-Presse amüsiert, gelesen hat er sie oft trotzdem. Man will ja schließlich mitreden können. Knut Teske, Leiter der Axel-Springer-Schule sagt: "BILD-Leser sind keine automatischen FAZ-Leser, wohl aber lesen viele FAZ-Begeisterte auch BILD, der unterschiedlichen Berichterstattung wegen." Worte von einem, der es schließlich wissen muss und in Hamburg und Berlin Welt- und BILD-Volontäre in denselben Kursen, nur mit anderen Stilvorgaben, ausbildet.

Der "Vater" der BILD-Zeitung Axel Cäsar Springer (1912-1985):

"Jeden Tag findet am Kiosk eine Art demokratische Abstimmung in Deutschland statt, ob der Leser die Zeitung kaufen will oder nicht. Alle Leute haben die Möglichkeit, eine andere Zeitung zu lesen"

Boulevard im Fernsehen
Was seit jeher für alle Boulevardblätter gilt, ist heute auch selbstverständlicher Maßstab für das Fernsehen – für die von Gebühren getragenen Sender gleichermaßen wie für die werbefinanzierten Kanäle. Auch wenn die Anstalten des öffentlichen Rechts sich nicht nur bei der Einführung des Privatfernsehens in Deutschland als letzte Gralshüter von Qualität und Anspruch fühlten, sondern auch noch Jahre danach, so muss doch jetzt eingestanden werden: Nicht die Privaten haben sich von ARD und ZDF den Marsch blasen lassen, sondern umgekehrt spielt die Musik!

Der Berliner Mediensoziologe Dr. Lothar Mikos, Professor an der Filmhochschule Babelsberg, veröffentlichte 1998 einen 50-seitigen Bericht zu der von ihm geleiteten Untersuchung "Themenstruktur und Themenpräsentation der Boulevard-Magazine". Denn dass Boulevard-Medien fester Bestandteil unserer heutigen Kommunikations-Welt sind, bleibt auch den Hochschulen nicht verborgen. Laut Mikos haben Boulevard-Magazine inzwischen einen festen Platz in den Programmen der großen Sender.

Dass ein öffentlich rechtlicher Sender den "Info-Vorabend" auf dem Boulevard einleitet, verwundert nicht mehr: Um 17.15 Uhr startet montags bis freitags die ARD mit dem Magazin 'Brisant', gefolgt von 'Leute heute' im ZDF um 17.40 Uhr, um 18.00 Uhr startet SAT1 mit 'Blitz', bevor RTL um 18.30 Uhr mit 'Exclusiv' und um 19.10 Uhr mit 'Explosiv' folgt, um 19.45 beschließt 'taff' auf ProSieben den Boulevard-Reigen. Nicht selten wiederholen sich die Themen, und an Schärfe und "spektakulären" Enthüllungen stehen die öffentlichen Sendern den Privaten in nichts nach. Auf der Jagd nach hohen Einschaltquoten bedienen sich die Sender alle des gleichen Kalibers: Kriminalität und Behördenwillkür, Prominenz und Medienpräsenz, Lachen und Tragödie, Klatsch und Tratsch. Und immer menschelt es im Blätterwald.

Auch bei der Aufmachung des Logos steht das öffentlich rechtliche Boulevardmagazin
(BRISANT) dem privaten (EXPLOSIV) in nichts nach. Hauptsache bunt, Hauptsache man sieht hin!

Der Weg ist das Ziel – auch auf dem Boulevard
"Der Reporter nimmt an der Story in einer Weise teil, die es dem Rezipienten leicht macht, sich mit dem Dargelegten zu identifizieren. Der Reporter spricht gewissermaßen als Wähler Steuerzahler, Eltern, Konsument etc.", schreibt der Wissenschaftler Mikos – der Boulevardjournalismus als "Volkes Stimme", mit einer nicht zu unterschätzenden Macht. "Der Mann und die Frau von der Straße sind die Haupt-Zielgruppe der Boulevardmedien. Deren Neugier und Voyeurismus sollen ebenso befriedigt werden wie ihnen Hilfe bei alltäglichen Sorgen und Nöten durch Information geboten werden soll."

Otto Normalverbraucher und Karin Mustermann fühlen sich also verstanden, wichtig, und im Zuge des Wir-Gefühls, das vermittelt wird, gestärkt. Gemeinsames Aufregen über Skandale, kollektives Mitfiebern, geteilte Freude. Dass sowohl Magazin-Berichte als auch "Kiosk-Zeitungen" das Geschehen, über das berichtet wird, dramatisieren müssen, steht fest. Nur so angelt man sich das Publikum, nur so hält man es gefangen. Personalisierung und Emotionalisierung öffnen die Herzen der Menschen, Dramatik belebt den Alltag.

"Schockierende" Überschriften und Appetitmacher ("Teaser") liefern die Basis, kurzgehaltene Texte das Gerüst. Effektives Baumaterial sind aussagekräftige Bilder im Zusammenspiel mit einfacher Sprache: Kurze Sätze, Adjektive statt langen Erläuterungen, Verben, die keines Zusatzes bedürfen. Nebensätze verwirren und Fremdwörter verkleistern nur: Sag's direkt, sag's konkret. Das "Haus der Sprache" ist in diesem Falle ohne Schnörkel, aber solide.

Boulevardjournalismus ist nichts Primitives, er gehört zu dieser Gesellschaft, ebenso wie das gespreizte Räsonnieren im Feuilleton oder das abgehobene Wichtiggetue der "Besserwisser". Und es ist durchaus schwierig, in wenigen Zeilen einen komplexen Sachverhalt oder eine differenzierte Meinungsäußerung zum Ausdruck zu bringen. "Entschuldige bitte, für einen kürzeren Brief fehlte mir die Zeit", schrieb schon einst Goethe. Guter Boulevardjournalismus ist eine Kunst für sich, eine schwierige Aufgabe, die zu verleugnen elitär und überheblich ist.

Informationen zur Autorin: Anett Bauch studiert Medienkommunikation an der TU Chemnitz..

Veröffentlicht am 10.03.2004
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