LEO - Lingua et Opinio, Studentische Zeitschrift zu Sprache und Kommunikation an der TU Chemnitz
KULTUR | Kommentar |
Bewegung des Stillstands
Der Widerstand gegen die Rechtschreibreform spiegelt auch die Mutlosigkeit der Gesellschaft wider
Von Michael Klemm
Nach jahrelangen heftigen Debatten haben die Kultusminister auf ihrer letzten Konferenz beschlossen, an der reformierten Rechtschreibung festzuhalten und diese 2005 verbindlich einzuführen. Der Aufschrei in der Gesellschaft und im Blätterwald ist groß, selbst Niedersachsens Ministerpräsident Wulff (vor kurzem beim Prominentendeutschtest im Fernsehen grandios gescheitert) fällt seinem Kultusminister in den Rücken und fordert populistisch die komplette Rückkehr zur alten Schreibung. Auch die deutschen Schriftsteller, in den wirklichen politischen und gesellschaftlichen Debatten abgetaucht, engagieren sich umso mehr im Kampf gegen neue Schreibweisen, als ob irgendjemand von ihnen zur neuen Orthografie gezwungen würde.
Ohne Zweifel, die Zahl der Kritiker ist groß, kaum jemand schlägt sich öffentlich auf die Seite der Reformer. Für die einen ist die Rechtschreibreform ein Großangriff auf die deutsche Sprache und Kultur, für die anderen ein überflüssiges und teueres Reförmchen, durch das sich kaum etwas ändert. Manche Lehrer loben die Reforn, andere vertreten die Ansicht, dass nun noch mehr Fehler als zuvor produziert würden.
Quelle: http://mfetten.deWer heute undifferenziert die alte Rechtschreibung wiederhaben möchte, verklärt leichtfertig die keineswegs überzeugenden früheren Regelungen. Möchte man wieder zu radfahren vs. Auto fahren zurückkehren? Zu in bezug und mit Bezug auf? Wer hier den Grund für die verschiedenen Schreibweisen erklären kann, hat gewonnen. Warum gönnten wir Schifffracht drei F, Schiffahrt aber nur zwei? Was spricht gegen die Stärkung des Stammprinzips in nummerieren oder platzieren? Tut es s und t tatsächlich weh, wenn man sie trennt? Wer hat schon, abgesehen von einigen Philologen, gewusst, wie man Chirurg, Signal oder Pädagoge korrekt trennt? Und wollen wir wirklich alle früheren Interpunktionsregeln erneut einführen? Viele Neuerungen waren ein Schritt in die richtige Richtung.
Zugegeben, bei der Vermittlung der Inhalte, des Sinns und des Nutzens der Reform haben die verantwortlichen Sprachwissenschaftler und Politiker kläglich versagt. Sicher, die Reform ist voller Ungereimtheiten und Mängel, aber es sind weniger als zuvor. Die Normierung der Schreibweisen ist aber auch eine äußerst komplexe und deshalb undankbare, da nie völlig zufriedenstellend zu lösende Aufgabe. Zu viele Prinzipien, die beachtet werden wollen, stehen in Konkurrenz zueinander.
Auf der 2. Orthographischen Konferenz 1901 in Berlin, die unter Vorsitz von Konrad Duden zum bis dato einzigen amtlichen Beschluss zur Orthographie führte, wurden die besonders schwierigen Bereiche der Groß- und Kleinschreibung sowie der Getrennt- und Zusammenschreibung bewusst ausgespart. Vielleicht ganz weise, denn hier ist die Schreibung am meisten im Fluss, werden Wörter, die oft zusammen stehen, irgendwann auch zusammengeschrieben. Insofern ist der jüngste Beschluss, in diesem Bereich mehr Alternativen zuzulassen (etwa leidtun neben Leid tun), ein sicher zu später, aber dennoch vernünftiger Schritt, der nun erlaubt , was in der Schreibpraxis schon längst üblich ist und niemanden stört. Wer hier eindeutige und abschließende Regelungen erwartet, unterschätzt die Komplexität der Rechtschreibung und unterliegt dem Irrglauben, dass sich die Schreibung abschließend regeln ließe.
Seit 1955 war es dem Duden-Verlag, also einer kommerziell denkenden Einrichtung, überlassen, die Orthografie weiterzuentwickeln. Heraus kam ein umfangreiches Regelwerk voller Sonderfälle und Ausnahmen, das wohl nicht einmal ein Sprachwissenschaftler fehlerfrei beherrschte, geschweige denn die Mehrheit der Schreibenden, die nun nach den alten Regeln schreien. In Zukunft soll eine Expertenkommission den Wandel der Schreibweisen beobachten und von Zeit zu Zeit Änderungsvorschläge machen. Auch das ist nicht mehr als vernünftig.
Alles in Allem war und ist der emotionale, polemische, ja fast hysterische Sturmlauf selbsternannter Sprachretter gegen die Reform aus zumindest drei Gründen übertrieben. Erstens: Nicht die deutsche Sprache wird verändert, sondern nur die Schreibung. Wie man mit Hilfe der Rechtschreibreform den Sprachverfall vorantreiben könnte, dürfte selbst dem reformfreudigsten Experten ein Rätsel bleiben. Die deutsche Sprachkultur hängt nicht an der Frage, ob man in Bezug auf groß- oder kleinschreibt. Die Sprache selbst wandelt sich auch ganz ohne Eingriffe, sehr zum Verdruss einiger Konservativer. Zweitens: Die Reichweite der Reform ist begrenzt; kein Privatmensch ist zur Übernahme der neuen Schreibung gezwungen. Drittens ist das Ausmaß der Änderungen eher gering. Die Umsetzung der Reform bedeutet auch keineswegs die Etablierung einer "Primitivschreibung", da man immer noch 112 Paragrafen beachten muss..
Die seit mehreren Jahrzehnten bestehende Diskussion um eine Reform der Rechtschreibung spiegelt vor allem die aktuelle Situation unserer Gesellschaft wider. Einerseits sehen alle, dass es nicht so bleiben kann, wie es ist, andererseits sträubt man sich nach Kräften gegen jede Veränderung, die einen selbst betrifft. Die vollzogenen Änderungen sind dem einen zu zaghaft (so hätten viele Linguisten gerne die gemäßigte Kleinschreibung eingeführt) und dem anderen zu radikal. Jeder Ansatz wird zu Tode gequatscht. Eine breite Bewegung des Stillstands. Viel Lärm um nichts, Diskussionen von gestern.
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zum Kommentar "Die deutsche Rechtschreibung darf uns jetzt leidtun"geschrieben nach neuer Orthografie erkennen Sie den Unterschied?
Veröffentlicht am 22.06.2004
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