Die Nicht-Normativität und Unabgeschlossenheit der Lese-Empfehlungen soll in der Rubrik "Meine Lese-Empfehlung" seinen Ausdruck finden. Hier sind alle Studentinnen und Stundenten dazu aufgerufen, in Form einer kurzen Rezension literarische Werke zu präsentieren, die sie ihren KommilitonInnen zur Lektüre anempfehlen.
(Die Mitarbeiter der Professur wie auch die Administratoren der IfGK-Seiten nehmen Ihre Rezensionen [bitte in digitaler Version] für die Veröffentlichung auf dieser Seite gern entgegen.)
Antoine de Saint-Exupéry: Le Petit Prince (Der kleine Prinz), 1943
conte philosophique, poétique
Nach einer Flugzeugpanne, die ihn in der Wüste Sahara stranden lässt, trifft der Erzähler auf ein lustiges Kerlchen, dessen Reise, genauso wie das Geheimnis seines Dortseins, nach und nach klarer wird. Saint-Ex wird oft auf Aphorismen in Form von aus dem Zusammenhang gebrochenen Zitaten reduziert, genauso wie Der kleine Prinz oftmals nur als fantasievolles Kinderbuch gesehen wird. Dabei spricht es in all den Begegnungen, die gemacht werden, immer wieder den Facettenreichtum und die Heiligkeit des menschlichen Zusammentreffens an; mal offen, mal implizit. Und das passiert in einer philosophischen Tragweite, die die Erzählung zu so viel mehr erhebt. Das Schlimmste, was man dem Erzähler, was man Saint-Ex antun kann, ist nicht durch die Zeilen hindurch auf die tatsächliche Bedeutung zu schauen: nicht den Elefanten in der Riesenschlange zu finden. Alle Begegnungen sind die beständige Suche nach dem Verständnis des dem Menschen innewohnenden Arcanums und die Entlarvung des bedauernswerten Verlustes, den der Mensch selbst verschuldet, wenn er sich selbst und fremde Äußerlichkeiten zu wichtig nimmt. Und darüber hinaus noch hundertmal mehr.
Judith Hermann: Sommerhaus, später, 1998
Erzählungen
Nicht aufhören können mit dem Lesen. Immer neue Perspektiven, immer neue Protagonisten, die nicht wirklich etwas anderes tun als im Sein zu sein, mit ihren Eigenheiten, (Fehl-)Entscheidungen, Gefühlen. Die auf Welt reagieren, sie verwirren, beobachten, mit ihr spielen. Wesen, die im Fluss der Zeit treiben, einem eigentümlichen Zauber zu erliegen scheinen, die verlieren, während sie ihr Leben leben, und dabei reicher werden von Tag zu Tag, von Atemzug zu Atemzug (- das Erzähltempo lässt ja beides zu!). Was den Leser hält, ist Atmosphäre; was dem gelesen Habenden bleibt, ist Atmosphäre; was Judith Hermann tut, ist Sprache.
Janne Teller: Intet (Nichts. was im Leben wichtig ist), 2000
ungdomsroman
"Nichts bedeutet irgendetwas. Das weiß ich schon lange. Deshalb lohnt es sich auch nicht, irgendetwas zu tun." Als Pierre Anton eines Tages mit diesen Worten mitten in der Klasse aufsteht und das Zimmer verlässt, um fortan in einem Pflaumenbaum sitzend die Nichtigkeit von allem zu predigen, beschließen die Siebtklässler von Tæring, ihm einen Berg an Bedeutung zu präsentieren, der ihn doch bitteschön umstimmen soll. Ein großes Sammeln beginnt, das bald grausame Züge annimmt. Die Problematik, die Teller am Prozess des Erwachsenwerdens und Infragestellen des eigenen Handelns aufbricht, ist alles andere als simpel oder folgenlos und richtet sich ganz bestimmt nicht nur an Heranwachsende. Das Buch stand anfangs in Dänemark unter heftiger Kritik von sowohl Pädagogen und Eltern als auch der Kirche, wurde allerdings über die Jahre hinweg mehrfach international ausgezeichnet und ist mittlerweile Stoff für Abiturprüfungen und Konfirmandenunterricht. Es schafft Diskurse, denen man sich definitiv (nicht allein) stellen sollte.
Ulla Hahn: Das verborgene Wort, 2001
Roman
Die Geschichte der Entwicklung eines Mädchens zur Frau, berührend weibliche Sprache und Sicht auf die Welt. Hildegard Palm als Protagonistin entführt Leser, die wie sie die Bücher leben, in eine Welt der Sprache und der Literatur, in die sie sich aus der realen, ihr unangenehmen und unangemessenen flüchtet. Es gibt ein Happy End und einige tragische Szenen, ohne dass die Figur einen aus dem Schutzraum der Phantasiefluchtmöglichkeiten entlässt. Das, was nahe geht, bleibt trotzdem hinter einem eigentümlichen Schleier der Nicht-Realität. Fiktion und Wirklichkeit werden stark reflektiert, dabei psychodynamische Prozesse glaubhaft dargestellt, das Abgleiten in die Alkoholsucht und der Druck in der Papierfabrik sind mitreißend dargestellt und verändern die Bewegung des Buchs. Die erzählte Zeit vergeht langsamer.
Leslie Kaplan: Fever (Fever), 2005
roman d'adolescence, documentaire
Zwei Pariser Abiturienten ermorden eine unbekannte Frau, die sie nach dem Zufallsprinzip als Opfer ausgewählt haben: Ein acte gratuit, bei dem nicht die Tat, sondern die Wirkung auf die Täter im Vordergrund steht. Kaplan lässt keine Zweifel an der äußerst exzentrischen Normalität, die ihre Protagonisten umgibt; nahezu leichtfüßig bettet sie Dokumentarisches in eine fiktionale Rahmenhandlung ein: Es geht um die Verbrechen Papons und Eichmanns. Die Kollaboration des État Français mit Nazideutschland und seine aktive Mitwirkung an der Shoah werden in Frankreich erst seit den 1990er-Jahren in einem öffentlichen Rahmen thematisiert, an diese Aktualität knüpft die Autorin mit ihrem - unter anderem stark an Hannah Arendt (Eichmann in Jerusalem, 1963) orientierten - Roman an. Der Leser findet sich in einer Parabel wieder, die historisch wichtige Generationsfragen in einer sachlichen, fiktionalen Erzählrealität veranschaulicht. Bezüge zu Musik, Literatur und Film sind in Kaplans Werk immer wieder auftretende Agenten, deren Rapport den Leser bannt und an sich saugt. Mitunter sehr spannend und hilfreich für ein tieferes Verständnis dessen, was ihre Literatur tut, ist die Parallellektüre der Essai-Sammlung Les Outils (Die Werkzeuge, 2003).