3 Implikationen der wichtigsten Einzelergebnisse für die Bildungspolitik

Die insgesamt sehr positive Einschätzung der englischen Sprache im Hinblick auf deren Bildungswert, ihre Bedeutung und ihre Zukunft zeigt sich besonders deutlich in der großen Zustimmung von jeweils ca. 80% für die Aussagen, daß wer Englisch kann, weltoffen und modern sei, und daß wer Englisch beherrscht, sich auf der ganzen Welt verständigen könne. In der zunehmenden Verbreitung des Englischen und der durch diese Sprache transportierten kulturellen Werte sahen 62,6% der befragten Lehrer keine Gefahr für andere Kulturen und deren Wertesysteme. Zwar ist dies besonders positiv für die Akzeptanz des Englischunterrichts, doch sollte nicht vergessen werden, daß die vorliegenden Ergebnisse auch auf eine mangelnde Sensibilisierung und ein relativ unkritisches Verhältnis zur englischen Sprache und deren Dominanz hinweisen könnte. Frau Dr. Heidrun Katzorke verwies in diesem Zusammenhang auf wiederholte Warnungen aus den alten Bundesländern, wie sie bei Tagungen von Leitern der universitären Sprachenzentren geäußert wurden. Die Warnungen gehen alle dahin, daß in den neuen Bundesländern nicht der Fehler gemacht werden sollte, in der Umbruchsituation gerade aufgrund des früheren Zwangs zum Russischunterricht und des positiven Bildes von der englischen Sprache den Unterricht in anderen Fremdsprachen zu vernachlässigen. Zwar wird die zunehmende Verbreitung des Englischen nicht als Gefahr gesehen wird, andererseits sollte man nicht übersehen, daß die Mehrheit der Befragten Entlehnungen aus dem Englischen bei Vorhandensein entsprechender deutscher Wörter ablehnt.

Die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung gewonnenen Ergebnisse finden sich bestätigt in Untersuchungen, die Frau Tanja Seifert für ihre Magisterarbeit über Anglizismen an der Technischen Universität Chemnitz durchführte. Ziel der Arbeit war es unter anderem, Antworten zu finden auf die Fragen, inwieweit englische Begriffe als solche wahrgenommen und verstanden werden, ob die wörtliche Übersetzung der verwendeten englischen Wörter bekannt ist, welche Einstellung gegenüber Anglizismen vertreten wird, inwieweit Anglizismen, die schon fest in das Deutsche integriert sind, noch als solche wahrgenommen werden, weshalb Anglizismen verwendet werden und wie gut englische Werbesprüche oder Schlagwörter auch außerhalb ihres Kontexts verstanden werden. Die Mehrheit der von Frau Tanja Seifert befragten Personen gab an, sehr häufig oder häufig im Alltag auf Anglizismen zu stoßen und die Verwendung der englischen Begriffe als störend zu empfinden (besonders stark bei Probanden ohne Englischunterricht und weniger stark ausgeprägt bei jüngeren Testpersonen). Die meistgenannten Motive für die Verwendung von Anglizismen waren Werbewirksamkeit und das Bedürfnis, sich modern auszudrücken. Die überwiegende Mehrheit der befragten Personen kannte ein entsprechendes deutsches Wort für die angegebenen englischen Wörter, 44% verwenden nach eigenen Aussagen manchmal Anglizismen (sehr oft und oft tut dies nur ein geringer Teil der jüngeren Testpersonen). Tendenziell häufiger werden englische Begriffe bei höherem Bildungsniveau verwendet. Für die weitere Anglizismenforschung wären sogenannte self-evaluation tests hilfreich, die die Selbsteinschätzung der eigenen Verwendung von Anglizismen mit ihrer tatsächlichen Verwendung durch die entsprechenden Sprecher vergleichen könnten (zur Verwendung solcher Verfahren in der britischen Soziolinguistik s. Coates 1993: 79/80. Hier wurde immer wieder die Beobachtung gemacht, daß Sprecher einer Sprache die eigene Verwendung bestimmter möglicher Varianten falsch einschätzten und der Ansicht waren, sie verhielten sich gemäß eines selbstgesetzten Ideals.).

Für die Dienstleistungs- und Industrieunternehmen sei hier nur noch einmal kurz auf die Beurteilung der europäischen Sprachenpolitik und der Verständigung zwischen Sachsen und seinen Nachbarn hingewiesen. Interessant ist, daß von allen befragten Unternehmen 57,6% sich gegen eine Beibehaltung der Gleichberechtigung der momentanen Amtssprachen aussprachen, wobei 99,0% im Falle einer Verringerung der Zahl der Amtssprachen für das Englische auch als eine der zukünftigen Sprachen stimmte. Daß das Englische von 61,9% aller Befragten als sehr gut geeignetes Verständigungsmittel mit den Nachbarn angesehen wird (gegenüber 27,8% bei Deutsch), muß auch für die wirtschaftliche Verflechtung in der Grenzregion als zentral bewertet werden. Bei Gellert-Novak (1994: S. 126) finden sich Zahlen über die Bedeutung des Englischen bei der schriftlichen Kommunikation verschiedener Euroregionen untereinander. Für den Osten zeigt sich zwar eine deutliche Bevorzugung von Deutsch mit 75,4% gegenüber Englisch mit 9,5%, doch ist auffällig, daß im Gegensatz hierzu Englisch im Südwesten und im Alpenraum überhaupt nicht verwendet wird. Ein direkter Vergleich mit den Zahlen aus der Befragung in sächsischen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen ist nicht möglich, da zum einen Gellert-Novak nicht nach subjektiven Einschätzungen gefragt hatte, sondern wirklich stattfindende Kommunikation untersuchte, und zum anderen da von ihr nicht Unternehmen, sondern Büros der Europäischen Gemeinschaft untersucht wurden. Wichtig ist es aber dennoch festzuhalten, daß zwar in den Betrieben die Rolle des Englischen in der Kommunikation mit den direkten Nachbarn Sachsens überschätzt werden könnte, sie aber auf jeden Fall stattfindet und von Bedeutung ist. Implikationen für die zukünftige Bildungspolitik sind natürlich besonders bei den Antworten zu erwarten, die sich direkt auf den Unterricht bezogen. Doch auch viele andere Antworten geben Hinweise auf Mängel und Notwendigkeiten, wobei allerdings immer wieder darauf hingewiesen werden muß, daß alle Antworten subjektive Einschätzungen widerspiegeln und nur Richtlinien für unter Umständen notwendige weitere Untersuchungen und das Überdenken kritisierter Sachverhalte liefern können. Zunächst sei nun eingegangen auf die Implikationen von Antworten, die nicht direkte Fragen nach der Bildungspolitik betrafen.

Zum Nachdenken über die zukünftige Lehrerausbildung anregen sollte die Tatsache, daß die Aussprache nur in verschwindend geringem Maß als besondere Lernschwierigkeit angesehen wurde. Zum Vergleich sei verwiesen auf die bereits existierende Kritik an der Vernachlässigung der Aussprache z.B. in Bayern (s. Pascoe 1987: 436). Anhand von Untersuchungen von Reaktionen auf Filmsynchronisationen konnte gezeigt werden, daß Mängel in der Aussprache nicht nur Stereotypen evozieren, sondern darüber hinaus, daß eine besonders gute Aussprache Mängel in anderen Bereichen der fremdsprachlichen Äußerung (Grammatikfehler, idiomatische Fehler, etc.) weniger deutlich hervortreten läßt (s. Herbst 1992: 5-9). Ausspracheschulung in der Schule (und auch in späteren Kursen) sollte also auf gar keinen Fall vernachlässigt werden. Dem Lehrer kommt aufgrund seiner "Multiplikatorfunktion" (Herbst 1992: 9) eine ganz besondere Bedeutung zu, der Rechnung getragen werden muß mit einer sehr gründlichen Ausspracheschulung in der Ausbildung und vielleicht sogar mit einer Änderung der Studienordnungen dahingehend, daß ein Auslandsaufenthalt einen "obligatorischen Bestandteil des Studiums" darstellen sollte, wie dies z.B. bei Sprachstudiengängen in Großbritannien der Fall ist (Herbst 1992: 14). Für die neuen Bundesländer muß betont werden, daß viele der heute Englisch unterrichtenden Lehrer eben nicht ursprünglich für dieses Fach ausgebildet worden sind. Dies bedeutet konkret zweierlei: Zum einen mag fehlende universitäre Ausbildung im Fach Englisch zu Mängeln in der Wahrnehmung der Schwierigkeiten beim Erlernen der Aussprache und der gemachten Fehler führen. Zum anderen mag die Bedeutung der Aussprache nicht immer voll erkannt werden. Insgesamt ist es ja so, daß man den Unterricht zum gegebenen Zeitpunkt zumindest zum Teil als fachfremd erteilt ansehen muß, was Schwierigkeiten leichter verständlich macht. Kritik an ähnlicher Praxis im Hinblick auf die Hauptschulen in den alten Bundesländern findet sich z.B. bei Finkenstaedt und Schröder (1990): "Man denke nur an die Tatsache, daß es die Bundesrepublik immer noch nicht geschafft hat, den Hauptschulunterricht [sic!] durch qualifizierte Englischlehrer erteilen zu lassen. Noch werden mehr als ein Drittel der Stunden 'fachfremd' erteilt." (S. 43). Die subjektiven Aussagen über Lernschwierigkeiten aus Sicht der Lehrer wären noch zu korrelieren oder auch zu kontrastieren mit Ergebnissen weiterer Untersuchungen, die beispielsweise die wirklich Performanz von Englischlernenden an sächsichen Schulen als Untersuchungsschwerpunkt hätten. Interessant wäre besonders zu sehen, inwieweit die Lehrenden die Lernschwierigkeiten ihrer Schüler richtig einschätzen. Denn nur wenn Lehrer auftretende Lernschwierigkeiten erkennen und richtig beurteilen, können sie korrigierend eingreifen.

Erhebliche Unterschiede zwischen Gymnasien und Hauptschulen ergaben sich beim Angebot an Schüleraustauschprogrammen, wobei bei den ersteren 54,4% und bei letzteren 1,3% über solche Programme verfügten. Bei einem Durchschnitt von 8,5% bezogen auf alle antwortenden Schulen nimmt es nicht wunder, daß 76,2% der Lehrer und 84,4% der Unternehmen mehr internationale Austauschprogramme für die Schulen fordern. Dringender Handlungsbedarf besteht auch im Hinblick auf Austauschprogramme für die Lehrenden. Nur eine einzige Schule hatte ein solches Programm. Für den Unterricht bedeutet dies zweierlei, nämlich zum einem die fehlende Möglichkeit für deutsche Lehrer, im Ausland bei längeren Aufenthalten Sprachkenntnisse zu vertiefen bzw. aufzufrischen und gleichzeitig, landeskundliches Wissen aus erster Hand mitzubringen, und zum anderen die verpaßte Chance, für entsprechende Zeiträume muttersprachliche Lehrende an den deutschen Schulen unterrichten zu lassen. Noch zu wenig genützt wird auch das Potential der Fremdsprachenassistenten (im Oberschulamtsbezirk Chemnitz zur Zeit 11 Briten und 8 Franzosen), die nicht voll in das Unterrichtsgeschehen eingebunden werden. Glücklicherweise hat das Agricola-Gymnasium in Chemnitz in den letzten beiden Jahren immer einen Fremdsprachenassistenten für Englisch zugeteilt bekommen, was dem bilingualen Zweig zugute kommt. Um die bilingualen Zweige noch besser in dieser Form unterstützen zu können, wäre es nach Ansicht von Herrn Albrecht und Herrn Müller vom Oberschulamt Chemnitz notwendig, gezielt Fremdsprachenassistenten anzuwerben, die Kenntnisse in den bilingual unterrichteten Fächern mitbringen. Im Falle des Agricola-Gymnasiums wäre dies Geographie. Positiv für die Ausweitung der Schüleraustauschprogramme und die Ankurbelung des Lehreraustausches ist die Kontaktaufnahme zwischen dem Oberschulamtsbezirk Chemnitz und Staffordshire. Beginnend in diesem Frühjahr werden erste Treffen zwischen den englischen und den deutschen Schulleitern in Deutschland organisiert, im Herbst folgt ein Schulleiteraufenthalt in England. Ziel ist es, den Austausch zwischen interessierten Schulen zu initiieren und die Kooperation zwischen den Fachleitern in Gang zu setzen. Insgesamt muß noch weiter daran gearbeitet werden, die Schulleiter und Lehrer für die Notwendigkeit von Austauschprogrammen zu sensibilisieren. Für Englisch ergeben sich gewisse außerschulische Möglichkeiten aus der Tatsache, daß immerhin 12,6% der Gemeinden, in denen die befragten Schulen ansässig sind, Städtepartnerschaften mit Großbritannien unterhalten. Notwendig ist es, von seiten der Kommunen Austauschprogramme und Fremdsprachenkurse im Ausland anzubieten und zu fördern. Skeptisch muß die Tatsache stimmen, daß bei der Beurteilung des Verhältnisses der Ziele Wissen und Können im Lehrplan ein Ungleichgewicht zugunsten des Ziels Wissen angeführt wird. Dem Können als kommunikativer Kompetenz gesehen hingegen sollte im Hinblick auf die Bedürfnisse der späteren Erwachsenen vielleicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Für eine Neugestaltung der Lehrpläne besteht wie in Punkt 1.3 dargestellt kein Handlungsbedarf, wohl aber sind Aufklärungsmaßnahmen zur richtigen Lehrplannutzung vonnöten. Verwiesen sei nur auf die Tatsache, daß insgesamt am häufigsten Grammatik (auch in Kombination mit anderen schwierigen Gebieten) als Lernschwierigkeit genannt wurde. Weitreichende Implikationen sowohl für den Englischunterricht als auch für die fremdsprachliche Weiterbildung ergeben sich auch aus vielen Teilen der Befragung in den Dienstleistungs- und Industrieunternehmen. So verpflichtet die Tatsache, daß 55,0% der befragten Firmen angaben, Englisch mehr oder weniger häufig zu benötigen, auf eine hohe Qualität des Unterrichts in diesem Fach. Auch aus vergleichbaren Untersuchungen z.B. in Duisburg (s. Kocks 1989: 51) gehen ähnlich hohe Zahlen für den Bedarf an Englischkenntnissen hervor. In eine ähnliche Richtung zielen Aussagen der Lehrer, von denen 91,5% Englisch als wichtige Voraussetzung dafür ansehen, daß Deutschland den Anschluß an die internationale Forschung behält und 73,3% eine Bedeutung für den Erhalt der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit Deutschlands als gegeben ansehen. Für die gegenwärtige Effektivität des Englischeinsatzes in den in Sachsen befragten Unternehmen stimmt die Tatsache pessimistisch, daß nur 4,0% der Betriebe angeben, ihre Mitarbeiter verfügten über sehr gute Englischkenntnisse, und 19,3% dies für gute Englischkenntnisse tun. Wie wichtig in diesem Zusammenhang die schulische Unterweisung ist, verdeutlicht die Aussage von 93,6% der Unternehmen, ihre Mitarbeiter hätten die Sprachkenntnisse in der Schule erworben. Äußerst interessant wäre eine Untersuchung der Selbsteinschätzung der konkret vorhandenen Defizite, bei der z.B. in Duisburg 76% Fachvokabular, 44% Ausdrucksfähigkeit und 22% Hörverständnis angaben (Kocks 1989: 63). Wie bereits angesprochen, wäre es falsch, die fehlenden Kenntnisse direkt den Schulen anlasten zu wollen. Sehr positiv zu bewerten sind Kurse, wie die nach Aussagen von Frau Dr. Heidrun Katzorke an der Universität Chemnitz gegebenen, in denen ganz gezielt z.B. das Telefonieren in der Fremdsprache erlernt und geübt wird. Dies erfolgt durch Anhören echter Telefongespräche, das gezielte Nachspielen solcher Gespräche und das weitere Einüben z.B. auch mittels Einsetzübungen, in denen markante, immer wiederkehrende Bestandteile eines solchen Telefongesprächs ausgelassen worden sind. Enormer Handlungsbedarf in den sächsischen Unternehmen ergibt sich weiterhin aus der Tatsache, daß 84,2% keine Fortbildungsmaßnahmen zum Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen anboten und auch die finanzielle Unterstützung und die Freistellung für die außerbetriebliche Weiterbildung ein Stiefkind darstellen. Der Vergleich mit der Befragung in Duisburg zeigt, daß dort 81% der befragten Betriebe Fortbildungsmaßnahmen anboten (Kocks 1989: 69). Besorgniserregend ist die fehlende Weiterbildung besonders auf dem Hintergrund, daß 18,0% der befragten Betriebe in Sachsen angaben, durch mangelnde Fremdsprachenkenntnisse Handelschancen verpaßt zu haben. Als Warnung aufgegriffen wurde dies am 15.8.1996 vom Handelsblatt unter der prägnanten Überschrift "Kein Englisch, kein Auftrag" (Handelsblatt, 15.8.1996, S. 3). Auch wenn man Untersuchungen im Ausland betrachtet, die sich mit den Anforderungen an Einzustellende im Hinblick auf Fremdsprachenkenntnisse beschäftigen, dürfte klar werden, daß sich Handlungsbedarf in den Unternehmen ergibt. Man muß sich für die Kommunikation mit ausländischen Betrieben nämlich stets vor Augen halten, wie selten bei der Einstellung Kenntnisse der deutschen Sprache im Gegensatz zur englischen gefordert werden. So gibt Flaitz (1988: 99) beispielsweise für das Jahr 1985 für französischsprachige Anzeigen im Figaro 91% für Englisch gegenüber 16% für Deutsch an. Bei Ammon (1994: 7) finden sich für das Jahr 1991 folgende Zahlen:

 

Englisch

Deutsch

Frankreich

71%

11%

Großbritannien

-

7%

Italien

69%

6%

Polen

46%

26%

Spanien

60%

7%

Ungarn

37%

40%

Wichtig für die Auswahl von Inhalten für die Weiterbildung der Mitarbeiter sind die Aussagen über die am häufigsten in der Fremdsprache erledigten Tätigkeiten. An erster Stelle stehen hierbei mit 91,8% das Führen von Telefonaten bzw. mit 91,5% das Annehmen von Anrufen und mit 89,9% das Lesen von Briefen bzw. mit 83,5% das Schreiben von Briefen; zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam Kocks bei seiner Untersuchung in Duisburg (Kocks 1989: 55). Ganz konkret können solche Hinweise genutzt werden, indem bei Fortbildungsmaßnahmen, die spezifisch auf Unternehmen zugeschnitten sind, die am häufigsten benötigten Tätigkeiten gezielt eingeübt werden. Solche Kurse machen einen großen Anteil an den Tätigkeiten von Sprachschulen aus, wie eine Telefonumfrage in Erlangen und Nürnberg im Dezember 1996 ergab, wo alle sieben befragten Sprachschulen angaben, daß zunächst der firmenspezifische Bedarf ermittelt wird oder die Unternehmen bereits mit sehr konkreten Hinweisen zur nötigen Schulung an die Schulen herantreten. Aus der Befragung in Sachsen ergibt sich weiterhin, daß bei Kursen, die nicht speziell auf ein bestimmtes Unternehmen abzielen, British English als zu lehrende Varietät bei gleichzeitiger Berücksichtigung von American English besonders gefragt sein dürfte, wenn man berücksichtigt, daß von den Ländern, zu denen die Firmen regelmäßigen Kontakt pflegen, Großbritannien mit 57,7% an erster Stelle genannt wird, gefolgt von Nordamerika mit 39,8%. Interessant ist, daß von den befragten Lehrern 55,4% British English als alleinige Varietät bevorzugen würden und 24,6% die Kombination der beiden genannten Varietäten. Durchaus wünschenswert erscheint im Zusammenhang mit den landesspezifischen Kontakten der Firmen auch die landeskundliche Schulung mit besonderem Augenmerk auf Einschätzungen von Höflichkeit, auf Stereotype, die die Gesprächspartner mit Vertretern bestimmter Länder verbinden, auf Konventionen in der Gesprächsführung (z.B. turn-taking, also die Verteilung und der Wechsel des Rederechts), etc. All dies erlangt unter den Bedingungen interkultureller Kommunikation besondere Bedeutung, wenn es darum geht, schwerwiegende Mißverständnisse zu vermeiden.

Mehrere Fragen beschäftigten sich direkt mit den Meinungen zu bestimmten Gegebenheiten in den Schulen und anderen Institutionen, in denen Fremdsprachen gelehrt werden. Im Hinblick auf die Akzeptanz von Entscheidungen bildungspolitischer Art können solche subjektiven Einschätzungen durchaus von Interesse sein. Für die Gymnasien wurde danach gefragt, ob eine Verpflichtung zu drei Fremdsprachen bis zum Abitur wünschenswert wäre. Hier ergibt sich ein deutlicher Unterschied in der Einschätzung zwischen den Lehrern und den befragten Unternehmen. Während von ersteren 61,4% eine Verpflichtung ablehnen (und 25% begrüßen), begrüßen bei den Unternehmen 46,3% eine solche Verpflichtung, 42,3% lehnen sie ab. Dabei sollte auch nicht unterschätzt werden, daß die recht starke Ablehnung von seiten der Lehrer auf die im Lehrbetrieb gesammelten Erfahrungen praktischer Natur gründet.

Unterschiede ergeben sich zwar auch in der Ablehnung bilingualen Unterrichts in ausgewählten Fächern, doch überwiegen in beiden Teilbefragungen die ablehnenden Stimmen, bei den Schulen sind es 68,4% und bei den Firmen 48,9%. Diese Skepsis spiegelte sich auch wider in Aussagen von Lehrern bei Gesprächen an Gymnasien in Bayreuth, Hof und Kulmbach; in Bayreuth hob Herr Kuno Braun die Schwierigkeiten hervor, die dabei auftraten, die Zustimmung aller Schüler und Schülereltern zur Durchführung von bilingualem Erdkundeunterricht in einer 9. Klasse zu bekommen, so daß in einem Versuch nur wenige Stunden auf englisch unterrichtet werden konnte.

Von ganz anderen Erfahrungen sprach Herr Hähnel, Leiter des Agricola-Gymnasiums in Chemnitz, in einem Gespräch am 12.3.1997. Am Agricola-Gymnasium wurde im Schuljahr 1995/96 im Auftrag des sächsischen Kultusministeriums ein Feldversuch zum bilingualen Biologieunterricht durchgeführt, der großen Erfolg hatte. Der Versuch sei von Eltern wie Schülern positiv aufgenommen worden und nach ca. einem Vierteljahr habe sich bei allen Schülern ein deutlicher Akzelerationseffekt im Umgang mit dem Stoff in der Fremdsprache eingestellt. Seit dem Herbst letzten Jahres wird in einer 9. Klasse Geographie bilingual unterrichtet. Im Gegensatz zu dem Versuch in Bayern ist in Sachsen das Durchlaufen eines Auswahlverfahrens Voraussetzung für die Teilnahme am bilingualen Unterricht, was besonders hervorgehoben werden sollte. Die unter dieser Voraussetzung durchweg positiven Erfahrungen sollten Ansporn sein für eine Ausweitung des Angebots an bilingualem Unterricht. Positive Erfahrungen werden ja auch aus anderen Bundesländern gemeldet, so z.B. aus Baden-Württemberg, wo Christ feststellen konnte, daß 87% der von ihr befragten Schüler angaben, das Lernen in einem Sachfach in einer Fremdsprache stelle keine großen Probleme dar (Christ 1996: 218).

Während von den befragten Gymnasial- und Mittelschullehrern 44,1% die obligatorische Vermittlung von zwei Fremdsprachen in den Berufsschulen ablehnen, würden sie von den befragten Betrieben 60,8% begrüßen. Die Diskrepanz in der Einschätzung sollte mit den bereits im Zusammenhang mit der Verpflichtung auf drei Fremdsprachen im Gymnasium angeführten Vorbehalten gesehen werden.

Besonders deutlich wurde in beiden Teilen der Befragung die Forderung nach einer Erweiterung des Angebots an Kursen für Hörer aller Fakultäten in den Universitäten. Von den Schulen forderten eine solche Erweiterung 58,6%, von den Unternehmen sogar 82,4%. Allerdings fußt ja das momentane Angebot auf einer gründlichen Bedarfsanalyse (mittels Befragungen unter Studenten und Lehrenden, Rückmeldungen über den Besuch von laufenden Veranstaltungen, etc.) und der ständigen Anpassung des Angebots auf die sich verändernde Nachfrage. Außerdem darf nicht vergessen werden, daß in vielen Fächern Vorlesungen und andere Veranstaltungen auch in Fremdsprachen angeboten werden, wie z.B. im Wintersemester 1996/97 an der Technischen Universität Chemnitz im Studiengang Physik Vorlesungen auf englisch oder für Wirtschaftswissenschaftler das Diskussionsforum in französischer Sprache zu aktuellen Fragen der internationalen Politik.

Weiterhin erhoffen sich die meisten Befragten ein erweitertes Angebot an Sprachkursen und insbesondere an solchen Sprachkursen, die speziell auf die Bedürfnisse von bestimmten Firmen und Berufsgruppen ausgerichtet sind, und zwar nicht nur in den Industrie- und Handelskammern, sondern auch in den Volkshochschulen. Gewünscht wird ein besseres Angebot in den Industrie- und Handelskammern von 50% der Schulen und 82,4% der Unternehmen, bei den Volkshochschulen von 65,7% der Lehrer und 59,3% der Betriebe. Noch wichtiger ist die Frage danach, inwieweit das vorhandene Angebot überhaupt wahrgenommen wird. Problematisch sind nämlich die beschriebene mangelhafte Förderung von fremdsprachlicher Weiterbildung und der z.T. sehr weit zurückliegende Kontakt mit der Fremdsprache überhaupt, der eine Teilnahme an Spezialisierungskursen gar nicht zuläßt. Die in einem Gespräch mit dem Referat für Fremdsprachenweiterbildung der IHK Chemnitz gewonnenen Informationen untermauern dies. Während zu Kursbeginn alle sechs Monate immer die Kurse Englisch für Anfänger, Englisch für Fortgeschrittene und Business English Stufe 1 und Stufe 2 zustande kommen, werden die Kurse Business English Stufe 3 und Stufe 4 seltener angenommen und noch seltener spezialisiertere Kurse, wie sie z.B. für Marketing und Vertrieb oder für Bauunternehmen angeboten werden. Firmenschulungen wurden zwar schon häufig durchgeführt, doch hält sich die Nachfrage sehr in Grenzen. Zusammenfassend bedeutet dies, daß vorwiegend die Kurse angenommen werden, die Grundkenntnisse neu vermitteln oder auffrischen, Aufbaukurse hauptsächlich auf einem nicht allzu hohen Niveau gefragt sind und erst wenige Interessenten speziellere Kurse in Anspruch nehmen können.

Auf einen Nenner gebracht, bedeuten alle oben gemachten Aussagen zweierlei, die Verpflichtung zum einen auf ein sehr gutes Fremdsprachenangebot in allen Bereichen, in denen Unterricht angeboten wird (konkrete Empfehlungen zur Verbesserung, wo diese nötig ist, in Punkt 4), und zum anderen auf die weitere Steigerung des Niveaus des Fremdsprachenunterrichts an den Schulen. Letztere Verpflichtung ergibt sich schon allein aus der Tatsache, daß, falls fremdsprachliche Weiterbildung in den Unternehmen weiterhin so wenig gefördert wird, der schulischen Vorbildung eine noch größere Schlüsselrolle zukommt. Auch die überragend positive Einschätzung der englischen Sprache und die mehrheitlich zum Ausdruck gebrachte Überzeugung der Lehrer, daß das Englische international von großer Bedeutung sei, sind zu verstehen als Verpflichtung zur weiteren Förderung und Verbesserung des Englischunterrichts. In vielen Kommentaren, zu denen die Fragebögen in ihrem letzten Teil einluden, wurde erfreulicherweise immer wieder herausgestellt, daß das Niveau des Englischunterricht in Sachsen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sei.

 


 

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