Bewegungswissenschaft






Motorik & Sensorik
Beate Prätorius

Sensorik:
 
 

Die Empfindlichkeit der Fußsohle für Drucksensorik wird mit Hilfe der sog. 'Semmes Weinstein - Monofilamente' erfasst. Entsprechend einem 4,2 und 1 Schritt Algorhythmus (Dyck et.al) wird die Reizschwelle mit den Filamenten verschiedener Durchmesser eingeschachtelt. Bei Kindern liegt die Reizschwelle in der Regel bei ca. 0.07 g, bei Erwachsenen bei ca. 1.0 g.

 

Die Reizschwellen für Vibrations-Sensorik werden mit Hilfe eines Vibrationsgebers bestimmt. Ein metallener Stößel schließt mit der Oberfläche der Fußbank ab. Die Amplitude des vibrierenden (30 Hz) Stößels wird lansam erhöht, bis der Proband angibt die Vibration zu spüren. Die Reizschwellen liegen hier bei Kindern im Bereich von 20 mm,bei Erwachsenen bei bis zu 150 mm.

Bezüglich der sensorischen Fähigkeiten wurde festgestellt, dass diese im Altersverlauf nachlassen und insbesondere auch durch Krankheit (Morbus Parkinson) negativen Einfluss erfahren. Auch die Entwicklungsbedingungen von Kindern haben Einfluss auf die sensorische Leistungsfähigkeit: Kinder aus sozial schwachen Gebieten haben deutlich höhere Reizschwellen. Des Weiteren konnte ein Bezug zwischen sensorischen und motorischen Fähigkeiten hergestellt werden: Durch sensorisches Training konnte bei Kindern die motorische Leistungsfähigkeit gesteigert werden (s.u.).



 
Motorik:
 

Rückwärts Balancieren

Monopedales Überhüpfen

Seitliches Hin- und Herhüpfen

Seitliches Umsetzen

Mit Hilfe des KTK (Koordinationstest für Kinder) nach Kipphard & Schilling werden die koordinativen Fähigkeiten von Kindern zwischen 4 und 14 Jahren quantifiziert. Die bei den vier Übungen erreichten Leistungen werden in Bezug auf Alter und Geschlecht normalisiert. Das Ergebnis, der motorische Quotient, ermöglicht die Klassifizierung von sehr gut bis gestört.


 

Durch ein sensorisches Training über 5 Wochen, welches nur Übungen, die mit den Füßen durchgeführt wurden beinhaltete (siehe Beispiele links) konnten sowohl die sensorische als auch die motorische (KTK) Leistungsfähigkeit von Kindern verbessert werden !



 
Literatur:
 
ZEITSCHRIFT MOTORIK 29. Jahrgang, März 2006
Barfuß gegen Koordinationsstörungen
 
B. Prätorius, T.L. Milani, M.-A. Ulfig, K. Schmitz
 
Einleitung
Die Untersuchung motorischer Fähigkeiten bei Kindern und die Diskussion um die zunehmende Einschränkung dieser sind hoch aktuell. Es ist z.B. vielfach nachgewiesen worden, dass die koordinativen Fähigkeiten von Kindern in den letzten 20 Jahren abgenommen haben (vgl. Kinkel 2001, Kleber 1996). Aufgrund dessen werden viele Möglichkeiten der Prävention und Rehabilitation entwickelt und untersucht. Eine Möglichkeit, die in der Praxis schon Verwendung findet aber in ihrer Effizienz noch nicht wissenschaftlich beleuchtet wurde, ist das Training der Sensorik. Daher wurden in der vorliegenden Studie die Auswirkungen eines sensorischen Trainings der Füße auf sensorische und motorische Fähigkeiten von Kindern untersucht.
Methodik
19 Kinder einer ersten Klasse einer Grundschule nahmen am Trainingsprogramm teil. Die Koordinationsfähigkeit wurde mit Hilfe des KTK (Koordinationstest für Kinder) quantifiziert. Des Weiteren wurden die Empfindlichkeit der Fußsohle und die Gleichgewichtsfähigkeit der Kinder gemessen. Dazu wurden ein Vibrations-Erreger und die Druckverteilungsmessung genutzt. Die Messungen wurden vor und nach dem Sensorik-Training durchgeführt. Das Training bestand aus einer Vielzahl verschiedener Aufgaben und Übungen, die mit den Füßen bewältigt werden mussten (z.B. Malen, Zeitungen falten etc.) und wurde über 5 Wochen zwei mal 45 Minuten pro Woche durchgeführt.
Ergebnisse
Die Ergebnisse des sensorischen Trainings ergaben eine eindeutige Verbesserung der Empfindlichkeit der Fußsohle (p=.02). Außerdem zeigte sich eine signifikante Verbesserung koordinativer Fähigkeiten beim KTK (p<.0001). Auch die Gleichgewichtsfähigkeit, quantifiziert anhand der CoP (Centre of Pressure) Bewegung beim Einbeinstand, verbesserte sich. Hier ist aber nur ein Trend zu besseren Leistungen nach dem Training zu erkennen.
Diskussion
Die Ergebnisse zeigen schon nach einem 5-wöchigen sensorischen Training eindeutige Verbesserungen der Sensomotorik. Dass sich durch sensorische Stimulation die sensorischen Fähigkeiten an der Fußsohle verbessern entspricht den Erwartungen. Die koordinative Verbesserung, die im Falle der Leistungsfähigkeit beim KTK hoch signifikant ist, scheint erstaunlich: Es konnte hier gezeigt werden, dass durch Stimulation der Fußsensorik auch die motorischen Fähigkeiten bei Kindern stark verbessert werden können. Im Zuge der ganzheitlich Hinführung zu Bewegungsfähigkeit darf also proklamiert werden: Barfuss gegen Koordinationsschwächen!


DEUTSCHE ZEITSCHRIFT FÜR SPORTMEDIZIN Jahrgang 55, Nr. 7/8 (2004)
Motorische Leistungsfähigkeit bei Kindern: Koordinations- und Gleichgewichtsfähigkeit: Untersuchung des Leistungsgefälles zwischen Kindern mit verschiedenen Sozialisationsbedingungen
 
B. Prätorius, T. L. Milani
 
Die Bewegungsmöglichkeiten für Kinder sind in heutigen Großstädten sehr eingeschränkt. Dadurch scheint die gesunde psychomotorische Entwicklung im Kindesalter beeinträchtigt. Die Studie befasst sich mit der koordinativen Leistungsfähigkeit von Kindern. 163 Kinder zweier verschiedener Stadtteile einer Großstadt im Ruhrgebiet wurden mit Hilfe des Koordinationstest für Kinder (KTK) und einer Druckverteilungsmessung untersucht. Die Parameter sind die allgemeine Koordinationsfähigkeit und die statische Gleichgewichtsfähigkeit. Vergleichende Aussagen können bezüglich der sportlichen Aktivität der Kinder und ihrem sozioökologischen Umfeld gemacht werden. Es zeigt sich, dass sich die allgemeine Koordinationsfähigkeit im Mittel in den letzten 25 Jahren nicht wesentlich verschlechtert hat. Jedoch sind große Unterschiede zwischen Kindern aus sozial schwachen und sozial starken Stadtteilen nachgewiesen worden. Dies gilt für die allgemeine Koordinationsfähigkeit (p<,0001) und für die Gleichgewichtsfähigkeit (p<,05). Des Weiteren wurde ein positiver Zusammenhang zwischen der sportlichen Aktivität von Kindern und ihren bei der vorliegenden Untersuchung erreichten Ergebnissen gefunden (p<,0001). Es zeigt sich, dass durch Bewegungsmangel grundlegende physische Funktionen eingeschränkt werden. Dies steht in Wechselwirkung mit gesundheitlichen Folgen. Es müssen daher besonders bei in der Entwicklung befindlichen Kindern Maßnahmen zur Prävention und Rehabilitation koordinativer Schwächen und den damit vermutlich einhergehenden psychischen und sozialen Defiziten getroffen werden. Im Brennpunkt stehen hier Kinder aus sozial schwachen Gebieten: Die Bewegungsmöglichkeiten sind eingeschränkt.


Neurosci Lett. 2003 Aug 7;346(3):173-6.
The sensitivity of the sole of the foot in patients with Morbus Parkinson.
 
Pratorius B, Kimmeskamp S, Milani TL.
 
Department of Human Locomotion, University of Essen, Henri-Dunant-Strasse 65, 45131, Essen, Germany.
 
The sensory input of the foot has an important influence on balance. In patients with Morbus Parkinson (PD-patients) balance control is often impaired. Therefore, the aim of this study was to quantify the sensitivity of the plantar foot in PD-patients. Five sites of the plantar foot were examined in 24 PD-patients and in 20 controls using Semmes-Weinstein Monofilaments for touch pressure and a vibration-exciter (30 Hz) for vibration. The results show significantly higher thresholds in PD-patients. For each tested location (except the heel) the thresholds are at least twice as high as in controls. Moreover, this study proved the correlation between motor and somatosensory systems: the stronger the motor deficiencies in PD-patients (Unified Parkinson's Disease Rating System score) the higher the sensitivity thresholds for vibration. In conclusion, reduced sensitivity of the plantar foot may contribute to impaired balance control.
 
PMID: 12853112 [PubMed - indexed for MEDLINE]
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