M.A. Matthias Möller
Akademischer Werdegang
10/1997
10/1998
10/2000
10/2004
04/2005
06/2008
|
Studienbeginn an der Uni Tübingen in den Fächern Geschichte (HF), Empirische Kulturwissenschaft (NF), Philosophie (NF)
Fächerwechsel zu Empirische Kulturwissenschaft (HF), Soziologie (NF), Informatik (NF)
Aufnahme in die Studienförderung der Hans Böckler Stiftung
Magisterarbeit über kollektive Gewalt gegen Flüchtlinge 1992 in Mannheim
Abschluss des Studiums
Aufnahme in die Promotionsförderung der Hans Böckler Stiftung und Beginn der Dissertation über ein genossenschaftliche Siedlungsprojekt bei Basel (Schweiz) |
Abstract zur laufenden Promotion
Selbstorganisierte Wohnformen als Orte einer Kultur der Gemeinwirtschaft. Eine Untersuchung solidarischer Ökonomieformen im Wohnbereich
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte in der Wohnungsreformbewegung eine neuer Gedanke Gestalt angenommen: die selbstorganisierte Versorgung mit Wohnraum auf reformerisch-sozialistischer Grundlage. Ein von Verwertungsansprüchen befreiter Immobilienbestand sollte, neben günstiger Miete auf Basis der Betriebskosten, den Neubau durch eine Solidarabgabe der MieterInnen sicherstellen. Die dadurch neu geschaffenen Wohnungen sollten ihrerseits nach dem selben Prinzip vermietet werden. Auf diese Weise sollte ein dynamisch wachsender, revolvierender Fonds für den Wohnungsbau, einen ständig wachsenden Wohnungsbestand jenseits kapitalistischer Profitinteressen nach sich ziehen.
In der Schweiz wurde 1919 mit der genossenschaftlichen Siedlung Freidorf bei Basel dieses Modell idealtypisch umgesetzt. Diese Genossenschaft existiert, anders als viele durch Nationalsozialismus und Kriegsfolgen stark beeinträchtigte Projekte in Deutschland, bis heute. Dort wurde Wohnraum für über hundert Familien in einem für den zeitgenössischen Arbeiterwohnungsbau richtungsweisenden Wohn- und Lebensumfeld geschaffen. Viele der damals fest in die Siedlung integrierten kollektiven Ansätze und Ziele wandelten sich jedoch in den letzten 90 Jahren oder wurden ganz aufgegeben, sodass sich dort heute, gemessen an den Ansprüchen der Gründungsgeneration, nur noch spärliche gemeinwirtschaftliche Überbleibsel eines der ambitioniertesten Projekte der sozialistischen Wohnungsreformbewegung finden lassen. Im Freidorf ist dies gerade nicht auf genossenschaftsfeindliche Eingriffe von außen zurückzuführen, sondern auf spezifische interne Entwicklungen bzw. den internen Umgang mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, die einen Bedeutungsverlust gemeinwirtschaftlicher und reformerischer Aspekte zur Folge hatten.
Am Beispiel der Freidorf-Siedlung sollen deshalb die internen Funktionsbedingungen nicht-kapitalistischer, gemeinwirtschaftlicher Unternehmungen untersucht und der Frage nachgegangen werden, auf welche Ressourcen genossenschaftliche Selbsthilfemilieus rekurrieren, wann sie erodieren und wie sie ihre Anpassungsfähigkeit gegenüber neuen Entwicklungen bewahren können. Hintergrund und aktueller Bezugspunkt dieser Fragen ist die Entwicklung eines anderen, nach ganz ähnlichen wie den oben beschriebenen Ideen funktionierenden Ansatzes zur Schaffung selbstverwalteten Wohnraums. Seit den 1990er Jahren ermöglicht das aus der Alternativbewegung hervorgegangene Freiburger Mietshäuser Syndikat über ein genossenschaftsähnliches Beteiligungsmodell den Immobilienerwerb durch selbstorganisierte Wohngruppen auf gemeinwirtschaftlicher Grundlage.
Ein Vergleich der historisch unterschiedlichen, inhaltlich aber überraschend ähnlichen Ansätze verfolgt das Ziel, die jahrzehntelange Erfahrung eines gemeinwirtschaftlichen Siedlungsprojekts nutzbar zu machen für aktuelle Fragen einer solidarischen Ökonomie im Wohnbereich.