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Die Auswahl grammatischer
Lernziele: Linguistische, psycholinguistische und didaktische Perspektiven(1)
Torsten
Schlak
1. Einleitung
Die Bestimmung grammatischer Lernziele
gehört sicher nicht zu den Modethemen der fremdsprachendidaktischen
Diskussion. Dennoch bleibt diese Thematik insofern aktuell, als Lehrende
wie Lehrmaterialentwickler in ihrer alltäglichen Praxis fortwährend
damit konfrontiert werden, (grammatische) Lernprogressionen erarbeiten
und die (grammatischen) Inhalte für ihren Unterricht planen zu müssen.
Hinzu kommt, daß die Auswahl derjenigen grammatischen Phänomene,
auf die in Unterricht und Unterrichtsplanung explizit eingegangen werden
soll, ein weitaus komplexeres Problem darstellt, als man annehmen könnte.
Verschiedene Faktoren sind hier relevant und sollen im folgenden diskutiert
werden:
2. Sprachbeschreibungen
und Lernerbedürfnisse
Natürlich spielen didaktische
Sprachbeschreibungen eine Rolle, sie stellen sozusagen einen Bestand an
grammatischen Phänomenen dar, aus denen man Lerninhalte auswählen
kann. Sie sind aber nicht unbedingt Ausgangspunkt der Auswahl; im Verständnis
einer zielgruppenorientierten Unterrichtsmethodik (vgl. hierzu ausführlich
Schlak, 2000) sollte vielmehr auf sie entsprechend der konkreten Bedürfnisse
der Lernenden, die sich über systematische Bedarfsanalysen (vgl. z.B.
Brown, 1995) erschließen lassen, zurückgegriffen werden.(2)
3. Fehleranalysen
und Lernbarkeit
Von Lehrenden durchgeführte
Fehleranalysen (vgl. z.B. Reiner Schmidt, 1994) können weitere Anhaltspunkte
für die Auswahl geeigneter Grammatikphänomene liefern. Doughty
und Williams (1998, 212f.) verdeutlichen die Vor- und Nachteile dieser
Vorgehensweise: Fehleranalysen involvieren die Lehrenden in den Entscheidungsprozeß
und weisen daher einen hohen Grad an „face validity“ auf. Sie sind zudem
relativ schnell von Lehrenden zu erstellen und haben Tradition in der fremdsprachenunterrichtlichen
Praxis. Diesen Vorteilen steht jedoch das schwerwiegende Problem gegenüber,
daß man, ohne Wissen darüber, ob eine fehlerhafte Struktur zu
einem bestimmten Zeitpunkt im Sinne von Pienemanns „teachability“-Hypothese
(vgl. z.B. Pienemann, 1989, 1998) lehrbar ist oder vielleicht sogar grundsätzlich
zu komplex ist, um explizit erlernt zu werden (vgl. die nachfolgende Diskussion
über „einfache“ und „schwierige“ Regeln), als Lehrende(r) Gefahr läuft,
grammatische Phänomene zu unterrichten, die eine Überforderung
der Lernenden darstellen (vgl. Doughty/Williams, 1998, 213). Bei der Auswahl
geeigneter grammatischer Phänomene sollten daher möglichst Ergebnisse
der Lernbarkeitsforschung Beachtung finden. Pienemanns (1989, 1998) „teachability“-Hypothese
besagt, daß Lernende nur solche Phänomene erlernen können,
für deren Erwerb sie psycholinguistisch bereit sind.(3)
Trotz einiger theoretischer und empirischer Schwächen der „teachability“-Hypothese
und der praktischen Schwierigkeiten bei ihrer Umsetzung (zur Kritik an
der „teachability“-Hypothese vgl. zusammenfassend Schlak, 1999) stellt
die psycholinguistische Lernbarkeit sprachlicher Erscheinungen sicherlich
ein nützliches Auswahlkriterium dar.(4)
-2-
4. Universalgrammatik
Die Entscheidung, ein bestimmtes
grammatisches Phänomen im Unterricht zu behandeln, könnte auch
davon abhängig gemacht werden, ob das Phänomen Bestandteil der
Universalgrammatik (UG) ist.(5) Einige Zweitsprachenerwerbsforscher
aus dem UG-Umfeld sind der Auffassung, daß L2-Lerner der Universalgrammatik
zugehörige Strukturen automatisch und ausschließlich dann erwerben,
wenn diese über Input „getriggert“ werden (vgl. z.B. Schwartz, 1993).
Eine solche Annahme ist jedoch nur dann relevant, wenn gezeigt werden kann,
daß L2-Lerner weiterhin Zugang zu den „principles“ und „parameters“
der Universalgrammatik haben.(6) Zum gegenwärtigen
Zeitpunkt lassen sich verschiedene, divergierende Positionen zum Zugangsproblem
ausmachen, die von der „full access hypothesis“ (Flynn, 1996; Epstein /
Flynn / Martohardjono 1996) über die „limited access hypothesis“ (Schachter
1996; Eubank/Gregg 1999) bis zur „fundamental difference hypothesis“ (Bley-Vroman,
1990) reichen (vgl. zusammenfassend u.a. White, 1996; Gregg, 2001; Riemer,
2001 und die Beiträge in Eubank, 1998). Weiterhin wird diskutiert,
was unter „triggering evidence“ zu verstehen ist. White (1996, 99ff.) hält
in bestimmten Fällen (7) ein „parameter resetting“
beim L2-Erwerb nur dann für möglich, wenn die Lernenden negative
Evidenz, d.h. Informationen darüber, was in einer Sprache nicht möglich
ist, z.B. in Form von expliziten Grammatikregeln und Fehlerkorrekturen,
erhalten. UG-Hardliner wie Schwartz (1993, vgl. auch Schwartz/Gubala-Ryzak,
1992) hingegen bleiben bei der für den L1-Erwerb charakteristischen
Auffassung, nur positive Evidenz alleine - Informationen darüber,
was in einer Sprache möglich ist - könne zu einem „parameter
resetting“ führen (zur Diskussion vgl. u.a. Long, 1996, 424f.; White,
1996, 99ff.; Doughty/Williams, 1998, 201f.; Gregg 2001).
5. Häufigkeit,
Zuverlässigkeit und Reichweite
Hulstijn (1995; vgl. auch Grotjahn,
2000) nennt weitere Kriterien, die es dem Lehrenden erleichtern sollen,
zu entscheiden, ob eine Regel es wert ist, im Unterricht explizit vermittelt
zu werden. Im einzelnen sind das die Kriterien der Häufigkeit (frequency),
der Zuverlässigkeit (reliability) und Reichweite (scope).
Daß ein sprachliches Phänomen im zu erwartenden Sprachalltag
der Lernenden mit einer gewissen Häufigkeit auftritt, sollte eine
Voraussetzung für seine unterrichtliche Explizitmachung sein. Vorteilhaft
wäre zudem, wenn sich die Regel auf möglichst viele Mitglieder
einer grammatischen Kategorie beziehen ließe. Dies trifft z.B. auf
die Genusregel „maskuline Substantive werden mit „o“, feminine Substantive
mit „a“ gebildet“ im Spanischen zu. Damit ist das Kriterium der Reichweite
angesprochen. Eine Regel ist umso zuverlässiger, je häufiger
sie im realen muttersprachlichen Sprachgebrauch befolgt wird, je weniger
es insbesondere kommunikativ relevante Ausnahmen zu einer Regel gibt. Beispielsweise
sind im Deutschen die Regeln der Pluralbildung durch besonders viele Ausnahmen
gekennzeichnet und daher von geringer Zuverlässigkeit. Weiterhin gilt
es laut Hulstijn (1995, 376f.) zu entscheiden, ob Lernende eine Regel nur
rezeptiv oder auch produktiv lernen sollen. Reicht eine rezeptive Beherrschung
aus, ist es oft nicht nötig, eine Regel in ihrer gesamten Komplexität
zu beschreiben. Es kann in diesem Fall genügen, sich auf solche Aspekte
einer Regel zu beschränken, die eine Identifizierung des jeweiligen
Phänomens ermöglichen (Hulstijn, 1995, 376f.).
-3-
6. „einfache“
vs. „schwierige“ Regeln
Aus der scheinbar simplen Opposition
zwischen „einfachen“ und „schwierigen“ grammatischen Gesetzmäßigkeiten
werden überraschend divergente Hypothesen hinsichtlich der Auswahl
grammatischer Phänomene abgeleitet. So postulieren einige Zweitsprachenerwerbsforscher,
daß nur „einfache“ Regeln explizit vermittelbar sind, „schwierige“
jedoch überhaupt nicht oder zumindest weniger auf explizite Instruktion
ansprechen (vgl. z.B. Krashen, 1982 oder Pica, 1985). Hulstijn und de Graaff
(1994; vgl. auch de Graaff, 1997, 254) vertreten hingegen die Position,
daß „einfache“ Phänomene nicht unbedingt unterrichtlicher Vermittlung
bedürfen, da sie auch ohne Formfokussierung problemlos erworben werden.
Die Lernenden profitieren nach ihrer Auffassung am meisten von der unterrichtlichen
Vermittlung „schwieriger“ Regeln. Die Resultate einer ersten empirischen
Studie zur Überprüfung dieser Hypothese waren nur wenig aussagekräftig
(vgl. de Graaff, 1997, 270).
Gegenwärtig findet die Position
Krashens indirekte, theoretische Unterstützung in den Arbeiten von
Timm (1995) und Bleyhl (1995 a, b ,c), die einen Großteil des internalisierten
Grammatikwissens als hochkomplexe, vermutlich explizit nicht „lernbare“
„fuzzy sets“ beschreiben, die „prototypischen Charakter“ aufweisen und
sich „wie ein Komet mit relativ festem Kern, aber nach außen individuell
und situativ ausfransenden Rändern“ (Bleyhl, 1995a, 324) verhalten.
Die Ergebnisse einiger empirischer Studien widersprechen jedoch der Auffassung
der „Unlernbarkeit“ komplexer „Regeln“. So findet Robinson (1995, 320ff.),
der Krashens Terminologie verwendet, in seiner forschungsmethodologisch
sehr anspruchsvollen experimentellen Laborstudie von 1995 keine Überlegenheit
von „Erwerben“ bei „schwierigen“ Regeln, vielmehr ist sowohl für „schwierige“
als auch „einfache“ Regeln ein größerer Lernzuwachs unter der
Bedingung „Lernen“ (vs. „Erwerben“) festzustellen, der jedoch nur im Falle
der „leichten“ Regeln signifikant ausfällt.
Von Reber initiierte psychologische
Laborexperimente (vgl. z.B. Reber, 1976) stehen hingegen im Einklang mit
Krashens Annahme, daß nur leichte Regeln explizit „erlernt“ werden
können. Es stellt sich jedoch die Frage, ob das Lernen einer „künstlichen
Sprache“ (artificial grammar) im Kontext von Laborexperimenten mit dem
Erwerb einer Zweitsprache vergleichbar ist. In einer von Reber beeinflußten
Studie konnte DeKeyser (1995) Vorteile expliziten Lernens bei „einfachen“
Regeln ermitteln, während bei „schwierigen“ Regeln sich kein signifikanter
Unterschied zwischen expliziter und impliziter Instruktion zeigte. Auch
Green und Hecht (1992) stellen in einer deskriptiven Studie im fremdsprachenunterrichtlichen
Kontext eine Überlegenheit expliziter Instruktion bei „einfachen“
Regeln fest, ohne daß sich gleichzeitig eine Überlegenheit impliziten
Lernens bei „schwierigen“ Regeln zeigt.
Timm und Bleyhl bleiben auf der theoretischen
Ebene und haben meines Wissens bisher keine eigenen empirischen Studien
durchgeführt. Interessant ist hier aber die mögliche Verbindung
von mathematischer, neurophysiologischer, kognitionspsychologischer und
spracherwerbsbezogener Forschung (vgl. Timm, 1995, 129ff.).
-4-
Die Vergleichbarkeit der empirischen
Studien und ihre Praxisrelevanz wird dadurch erheblich eingeschränkt,
daß bisher weitgehend Uneinigkeit herrscht, was ein grammatisches
Phänomen „schwierig“ bzw. „leicht“(8) macht, welche
Kriterien hier anzusetzen sind (vgl. die ausführliche Diskussion in
de Graaff, 1997, 251; DeKeyser, 1998, 43ff. und Doughty/Williams, 1998,
221ff.).
Zudem - so führen Doughty und
Williams (1998, 225f.) aus - könnte der Lernkontext von großer
Bedeutung sein: Erhalten die Lernenden außerhalb des Unterrichts
ausreichend Input, werden sie wohl schnell „einfache“ Phänomene erwerben,
ist dies nicht der Fall, mag auch hier unterrichtliche Intervention notwendig
sein.
7. Auffälligkeit
Doughty/Williams (1998, 219ff., vgl.
auch de Graaff, 1997, 251 und Williams/Evans, 1998, 140) machen auch darauf
aufmerksam, daß bestimmte grammatische Phänomene aufgrund der
Seltenheit ihres Auftretens oder ihrer geringen Bedeutung für die
Sicherstellung erfolgreicher Kommunikation - z.B. ist das „-s“ der dritten
Person Singular im Englischen von minimaler kommunikativer Relevanz - von
den Lernenden übersehen werden könnten und daher vielleicht auch
nicht im Sinne von Richard Schmidts „noticing“-Hypothese (Schmidt, 1990,
1995, 2001, vgl. auch Truscott, 1998, Schlak, 1999) bemerkt und erworben
werden. Eine Möglichkeit, ihre Auffälligkeit (saliency)
zu erhöhen, wäre, solche grammatischen Phänomene im Unterricht
explizit zu behandeln.
8. Transfer
Ein weiterer Einflußfaktor
ist in der L1 der Lernenden zu sehen. Daß der L2-Erwerb eines Lernenden
von seiner/ihrer L1 beeinflußt wird, ist in der aktuellen Fachdiskussion
nahezu unbestritten (vgl. z.B. Larsen-Freeman/Long, 1991, 53; Götze,
1994, 67; Rösler, 1994, 34f.; Edmondson, 1999, 99). Der Einfluß
der L1 auf die L2 stellt sich jedoch als wesentlich komplexer dar als lange
Zeit angenommen (vgl. z.B. Beiträge in Gass/Selinker, 1983; Edmondson,
1999, 91ff.; Michiels, 1999, 13; Roche, 2001, 81f.).
Von in erster Linie historischer
Relevanz ist die auf behavioristischen und strukturalistischen Überlegungen
basierende „Kontrastiv-Hypothese“, die vor allem in ihrer „starken Version“
großer Kritik ausgesetzt war und ist (vgl. z.B. Bausch/Kasper, 1979,
5ff.; Larsen-Freeman/Long, 1991, 55f.; Michiels, 1999, 5; Edmondson/House,
2000, 222ff.; Kuhberg, 2001). Unterschiede zwischen Sprachen - so argumentieren
Vertreter der starken Version - führen zu Lernschwierigkeiten, Übereinstimmungen
zwischen Sprachen hingegen sind unproblematisch.
Gegenwärtig wird die „Kontrastiv-Hypothese“
in aller Regel nur noch in ihrer „schwachen Version“ vertreten (vgl. z.B.
Michiels, 1999, 6; Edmondson/House, 2000, 222ff.; Kuhberg, 2001). Hier
besagt sie, daß Fehler in der L2-Produktion eines Lernenden zu einem
Teil über L1/L2-Unterschiede zu erklären sind. Die „schwache
Version der Kontrastiv-Hypothese“ nimmt jedoch nicht für sich in Anspruch,
Fehler und Lernschwierigkeiten prognostizieren zu können (Larsen-Freeman/Long,
1991, 56f.). Grundsätzlich problematisch an der „Kontrastiv-Hypothese“
ist u.a. die „Gleichsetzung linguistischer Strukturunterschiede mit psycholinguistischen
Prozessen (Transfer, Interferenz) und Erlebniszuständen (Lernschwierigkeiten)“
(Bausch/Kasper, 1979, 6).
-5-
Hier wird schon deutlich, daß
auch die L1 der Lernenden nicht als leicht bestimmbares Kriterium für
die Auswahl von grammatischen Phänomenen für den Unterricht zu
sehen ist. Vielmehr wird die Komplexität des Zusammenhangs zwischen
L1-Einfluß und L2-Erwerb, die den Gegenstand der Transferforschung
bildet, immer offensichtlicher. Eine aktuelle Definition des Begriffs „Transfer“
findet sich in Ellis (1994). Er schreibt:
Transfer is to be seen as
a general cover term for a number of different kinds of influence from
languages other than the L2. The study of transfer involves the study of
errors (negative transfer), facilitation (positive transfer), avoidance
of target language forms, and their over-use. (Ellis, 1994, 341).
Im Kontext der „interlanguage“-Hypothese
diskutiert McLaughlin (1987, 77ff.) den Zusammenhang zwischen der L1 und
der L2 beim Zweitsprachenerwerb. Während im Rahmen der „Kontrastiv-Hypothese“,
indem man linguistische Sprachbeschreibungen vergleicht und daraus Lernschwierigkeiten
abzuleiten bzw. zu erklären versucht, produktorientiert vorgegangen
wird, sieht McLaughlin die Notwendigkeit, den Einfluß der L1 als
prozeßhaft (Punkte a-e ) und als ein zum Teil kognitives Phänomen
(Punkte f und g) zu verstehen. McLaughlin (1987, 77ff.) faßt die
Literatur zu diesem Problembereich zusammen und formuliert auf Basis der
existierenden empirischen Forschung tentativ u.a. folgende mögliche
Einwirkungen der L1 auf den L2-Erwerbsprozeß:
a) Die von L2-Lernenden
zu durchlaufenden Erwerbssequenzen variieren (geringfügig) in Abhängigkeit
von ihrer L1.(9)
b) Der Einfluß einer bestimmten
L1 kann dazu führen, daß gewisse sprachliche Phänomene
langsamer oder auch schneller erworben werden als von Sprechern anderer
Muttersprachen.
c) Einige sprachliche Phänomene
werden überproduziert.
d) Es tritt eine Vermeidungsstrategie
auf. Bestimmte sprachliche Phänomene werden aufgrund der jeweiligen
L1 nicht verwendet.
e) Der „hypothesentestende L2-Lernende“
wird in der Auswahl der von ihm entwickelten, auf seine L2 bezogenen Hypothesen
durch seine L1 eingeschränkt.
f) Je höher ein Lernender die
Verwandtschaft seiner L1 mit der von ihm zu lernenden L2 einschätzt,
desto eher kann es zu einem Transfer von der L1 in die L2 kommen.
g) Je unmarkierter ein sprachliches
Phänomen für einen Lernenden zu sein scheint, desto eher wird
es in die L2 transferiert.
Ellis (1994, 317ff.) ergänzt, daß
auch soziolinguistische Faktoren Transfer beeinflussen können. Er
erwartet, daß sowohl mikro-(speech style) als auch makrosoziolinguistische
(social context) Aspekte von Relevanz sind. Zur Klärung sind
weitere empirische Studien erforderlich. Auch Odlin (1989, 129ff.) weist
darauf hin, daß nicht-strukturelle Faktoren das Auftreten von Transfer
beeinflussen können. Mit nicht-strukturellen Faktoren werden individuelle
Unterschiede insbesondere hinsichtlich der Persönlichkeit, der Begabung
zur phonetischen Nachahmung, der Sprachkompetenz, der „literacy“ und des
Alters der Lernenden bezeichnet. Als weitere mögliche Einflußfaktoren
kommen das linguistische Bewußtsein der Lernenden und ähnlich
wie bei Ellis der soziale Kontext einer Interaktion hinzu (vgl. ausführlich
Odlin, 1989). Auf die Diskussion des Einflusses der L1 auf den Zweitsprachenerwerb
im Rahmen der Universalgrammatik-Theorie (Gass 1996) und des „competition“-Modells
(MacWhinney 2001) sei noch am Rande verwiesen.
-6-
Daß sich negativer, möglicherweise
Lernschwierigkeiten hervorrufender Transfer - und damit zumindest potentielle
Kandidaten für die unterrichtliche Vermittlung - vielleicht doch auf
der Grundlage von Strukturunterschieden vorhersagen läßt, wird
z.B. in den Arbeiten von Eckmann zur „marked differential hypothesis“ und
Andersens „transfer to somewhere principle“ deutlich. Eckman (1996; vgl.
auch Kuhberg, 2001, 660) faßt seine „marked differential hypothesis“
wie folgt zusammen:
The areas of difficulty
that a language learner will have can be predicted on the basis of a systematic
comparison of the NL (native language), the TL (target language), and the
markedness relations stated in universal grammar,
a. Those areas of the TL
that differ from the NL and are relatively more marked than the NL will
be difficult;
b. The relative degree of difficulty
of the areas of the TL that are more marked than the NL will correspond
to the relative degree of markedness.
c. Those areas of the TL that are
different from the NL, but are not more marked than the NL will not be
difficult. (Eckman, 1996, 197f.)
Ellis‘ (1994, 323f.) Kritik an der vagen
und unscharfen Definition des „markedness“-Begriffs in Eckmans Forschung,
weist dieser zurück, indem er „markedness“ in eindeutiger Weise definiert:
... one constructions is
marked relative to another if and only if there exists an asymmetrical,
implicational relationship between the constructions. (Eckman, 1996, 201f.)
Laut Eckman (1996, 204) unterstützen
existierende empirische Studien weitgehend die Annahmen der „marked differential
hypothesis“, jedoch ist sie nicht in der Lage, Lernschwierigkeiten vorherzusagen
bzw. zu erklären, wenn L1 und L2 sich nicht voneinander unterscheiden
(ebd., 204). Andersens „transfer to somewhere principle“ (Andersen, 1983,
vgl. auch die umfassende Diskussion in Kellerman, 1995) bietet hingegen
eine Erklärung für auf Übereinstimmung und Ähnlichkeit
basierenden
Transfer an. Andersen (1983, 182) selbst definiert das „transfer to somewhere
principle“ am verständlichsten:
A grammatical form or structure
will occur consistently and frequently in IL as a result of transfer if
and only if: (1) natural acquisitional principles are consistent with the
L1 structure, or (2) there already exists within the L2 input the potential
for (mis-)generalization from the input to produce the same form or structure.
... (Andersen, 1983, 182)
-7-
Als ein Standardbeispiel für
dieses Phänomen (vgl. z.B. Andersen, 1983, 191f.; Ellis, 1994, 381;
Kellerman, 1995, 126f.) ist die Übergeneralisierung der englischen
SVO-Wortstellung im Französischen durch Französischlerner mit
englischer Muttersprache angeführt. Diese Lerner verwenden SVO auch
bei französischen Pronominalobjekten (*je vois le anstatt je
le vois), obwohl im Französischen hier nur SOV erlaubt ist. Französische
Englischlerner hingegen transferieren ihre SOV-Regel nicht ins Englische,
da sie im englischen Input keine Fälle von SOV vorfinden. Kellerman
(1995) bespricht ausführlich empirische Studien zum „transfer to somewhere
principle“ und findet in den erhobenen Daten Andersens Annahmen weitgehend
bestätigt. An pädagogischen Implikationen ist jedoch weder Andersen
noch Eckman primär interessiert. Was Transfer für den Unterricht
bedeutet, wird kaum diskutiert.
Es ist offensichtlich geworden, wie
komplex der L1/L2-Zusammenhang beim Zweitsprachenerwerb ist. Jedoch können
erst weitere empirische Studien zu einer genaueren Bestimmung der auf dem
derzeitigen Forschungsstand nur äußerst vorsichtig zu formulierenden
Annahmen über den Einfluß der L1 auf den L2-Erwerb führen.(10)
Insbesondere sind detaillierte Studien zu bestimmten Sprachpaaren bzw.
mit Sprechern dieser Sprachen notwendig, will man im Unterricht Transfervorhersagen
auf Basis der Arbeiten von Eckman und Andersen berücksichtigen. Man
muß z.B. exakt wissen, welche L2-Phänomene sich von der L1 unterscheiden
und gleichzeitig markierter sind als in der L1, um Eckmans Konzepte für
die Auswahl geeigneter Grammatikphänomene im Fremdsprachenunterricht
nutzbar machen zu können.
In bestimmten Kontexten ist dann
noch der Einfluß weiterer Fremdsprachen zu berücksichtigen.
Interessant sind daher Ansätze, die sich nicht auf L1/L2-Vergleiche
beschränken, sondern hinterfragen, welchen Einfluß eine Zweitsprache
auf das Erlernen einer Drittsprache haben kann (vgl. z.B. Hufeisen, 1991,
1993, 2001; Michiels 1999 und die Beiträge in Hufeisen/Lindemann,
1998, Hufeisen/Dentler/Lindemann, 1999 und in Hufeisen/Cenoz/Jessner, 2000).
Dies ist insbesondere von großer Relevanz für das Lernen von
Deutsch als Fremdsprache, da die deutsche Sprache sehr oft als L3 nach
der L2 Englisch erlernt wird. Auch Kellerman (1995) ist sich bewußt,
daß neben der L1 auch Kenntnisse weiterer Fremdsprachen den Erwerb
einer L2 oder besser gesagt einer L3, L4 usw. beeinflussen können
und bezieht diese empirisch gewonnene Einsicht auf Andersens „transfer
to somewhere principle“:
Andersen‘s transfer to somewhere
principle would have to be modified to take account of the fact that any
previously known language can serve as a starting point for CLI, even one
that the learner was not necessarily a master of.
(Kellerman, 1995, 130)
Wichtig erscheint an Kellermans Ausführungen
insbesondere, daß auch eine kaum beherrschte Fremdsprache Transfer
beim Erwerb einer weiteren Fremdsprache auslösen kann.
9. Sprachprüfungen
Einen weiteren potentiell wichtigen
Orientierungspunkt in der Auswahl geeigneter grammatischer Phänomene
stellen Sprachprüfungen dar, auf die die Lernenden vorbereitet werden
sollen. Möchte ein Lehrender, daß seine Lernenden die jeweils
anvisierte Prüfung erfolgreich absolvieren, so bleibt ihm fast keine
andere Wahl, als die (hier: grammatischen) Inhalte der Prüfung in
den Unterricht mit aufzunehmen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch
von „washback“- oder „backwash“-Effekt (vgl. z.B. Johnson /Johnson, 1999).
-8-
10. Abschließende
Bemerkung
Bei der Auswahl grammatischer Lernziele
für die fremdsprachenunterrichtliche Grammatikarbeit wurden die Lernbarkeit,
Auffälligkeit, Schwierigkeit, Häufigkeit, Zuverlässigkeit
und Reichweite grammatischer Phänomene als relevant erachtet. Wichtige
Anhaltspunkte können weiterhin Bedarfs- und Fehleranalysen, die Universalgrammatiktheorie,
der „washback“/„backwash“-Effekt und die Transferforschung liefern. Diese
Zusammenstellung von Faktoren ist gewiß nicht vollständig und
sollte vor allem auch je nach unterrichtlichem Kontext ergänzt werden.
Für viele der genannten Faktoren
gilt zudem, daß zum derzeitigen Zeitpunkt nur ein sehr unvollständiges
Wissen über ihre Wirkung besteht. Die Lernbarkeit spezifischer Grammatikphänomene
läßt sich gegenwärtig nur für bestimmte Strukturen
- wie z.B. die Wortstellung im Deutschen - abschätzen. Ähnliches
gilt auch z.B. für die Faktoren Transfer, Schwierigkeit, Auffälligkeit.
Nur empirische Studien können hier langfristig für Klärung
sorgen. Eine Beachtung aller genannten Faktoren durch die Lehrenden ist
jedoch, und zwar insbesondere wenn spontan auf das Unterrichtsgeschehen
reagiert werden muß, nahezu undenkbar. Selbst in einem mehr oder
weniger langfristig vorgeplanten Unterricht kann man als Lehrende oder
Lehrender der Komplexität vermutlich kaum vollständig gerecht
werden. Dennoch liefern die beschriebenen Faktoren m.E. nützliche
Anhaltspunkte in der curricularen Planung der fremdsprachenunterrichtlichen
Grammatikarbeit.
[Eingereicht: 1/2002, überarbeitet: 2/2002]
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Anmerkungen
1. Dieser Beitrag
ist eine überarbeitete und aktualisierte Version von Schlak (2001).
2. Sollte eine
solche Bedarfsanalyse beispielsweise ergeben, daß DaF-Lernende wissenschaftssprachlich
orientiert sind, wären insbesondere hochfrequente Strukturen der deutschen
Wissenschaftssprache zu unterrichten. Sollten die Lernenden primär
an ihrem Hör- und/oder Leseverstehen arbeiten wollen, wäre eine
„Verstehensgrammatik" (vgl. Neuner, 1995) zu fokussieren.
3. Eine Möglichkeit,
die psycholinguistische Bereitschaft der Lernenden im Sinne Pienemanns
im Unterricht ansatzweise abschätzen zu können, sehen Williams
und Evans (1998, 155): Treten bestimmte Phänomene in der Lernersprache
eines Lernenden auf, werden dabei aber fehlerhaft realisiert, könnte
dies ein Anhaltspunkt dafür sein, daß der Lernende gemäß
der „teachability"-Hypothese bereit ist, das jeweilige Phänomen zu
erlernen.
4. Die Interaktion
zwischen Fehleranalyse und Lernbarkeitforschung läßt sich an
einem Beispiel veranschaulichen: Nach Pienemanns Studien (vgl. Pienemann,
1998, aber auch insbesondere Clahsen / Meisel / Pienemann, 1983) zum Erwerb
des Satzbaus im Deutschen wird die Verb-Endstellung in Nebensätzen
spät erworben. Ergeben Fehleranalysen Schwierigkeiten in der Realisierung
von Verb-Endstellung in Nebensätzen, sollte man an diesem Bereich
nur dann unterrichtlich arbeiten, wenn die Lernenden die von Pienemann
u.a. beschriebenen Vorstufen zur Verb-Endstellung - die Teilung der Verbphrase
(Verbklammer) und die Subjekt/Verb-Inversion - schon beherrschen.
5. Im Englischen
zählen laut Ellis (1994, 319) z.B. die grundlegenden Regeln des Satzbaus
zur Universalgrammatik, Strukturen wie „the more ... the more" hingegen
nicht.
6. Sowohl in Chomskys
eigenen Arbeiten (vgl. Chomsky, 1995) als auch in der UG-orientierten Zweitsprachenerwerbsforschung
- hier u.a. hinsichtlich „impaired representation" (vgl. z.B. Meisel, 1997;
White, 1998) und „construction-by-construction acquisition" (vgl. Bley-Vroman,
1998) - sind Weiterentwicklungen festzustellen, welche die Zugangsdiskussion,
zumindest in der bisherigen Form, teilweise in Frage stellen.
7. Die Wichtigkeit
von negativer Evidenz wird besonders dann betont, „if the L2 structure
stands in a subset relation [vgl. hierzu Ellis, 1994, 436; T.S.] with a
related L1 form since this situation would require that the learner withdraw
from a UG-based hypothesis, one presumably based on their L1" (Doughty/Williams,
1998, 201, vgl. jedoch White, 1996, 102f.).
8. Robinson (1995,
314) zeigt, wie sich „einfache" von „schwierigen" Regeln empirisch auf
Basis von Lehrereinschätzungen unterscheiden lassen.
9. Larsen-Freeman/Long
(1991) zufolge führt L1-Transfer z.B. dazu, daß eine Erwerbssequenz
um eine „sub-stage" erweitert wird (1991, 100) oder die Reichweite einer
Entwicklungsstruktur sich vergrößert (1991, 98f.); die grundsätzliche
Reihenfolge der Entwicklungsstufen bleibt hingegen unveränderlich
(1991, 100).
10. „Gute" Transferforschung
wird u.a. dadurch erschwert, daß es zum einen nicht leicht ist, zwischen
„Kommunikationstransfer" und „Lerntransfer" zu unterscheiden, und zum anderen,
daß Sprachvergleiche als Grundlage einer linguistischen Theorie bedürfen,
die sich für die Beschreibung beider Sprachen gleichermaßen
eignet (Ellis, 1994, 339ff.). Wenn mehr als zwei Sprachen verglichen werden
sollen, wird es gewiß noch schwieriger, ein geeignetes „tertium comparationes"
ausfindig zu machen.
Copyright ©
2003 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
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Schlak,
Torsten. (2003). Die Auswahl grammatischer Lernziele: Linguistische, psycholinguistische
und didaktische Perspektiven
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
[Online], 8(1), 14 pp. Available: http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/schlak4.htm
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