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Lernbeschleunigung
- Bedingungen und Schritte zur Realisierung
Gunde Kurtz
Lernbeschleunigung ist kein unseriöses
Versprechen auf „Turbolearning" mit Hokuspokus, sondern ein durch entsprechende
Vorgehensweise realisierbares Ziel. Die Vorgehensweise betrifft zunächst
allgemeine Bedingungen (1), dann die Konkretisierung in sprachlernbezogene
Einheiten und Ziele (2) und darin (2.1, 2.2) deren Realisierung in Schritten
der Themen-, Material- und Methodenauswahl und Zusammenstellung. Zum Schluss
stehen einige für die Möglichkeiten der Lernbeschleunigung ermutigende
Forschungsergebnisse (3).
1. Bedingungen
für Lernbeschleunigung
1. Notwendigkeiten und
Bedarf folgen: Analyse
2. Investition Zweck anmessen:
Kursmodellierung
3. Motivition und Erfolg steigern:
Lernerorientierung
4. Alle Ressourcen nutzen: Gesamtkonzeption
!!
Nicht vergessen: Das Ganze in die Praxis umsetzen!!
Die Planung des Sprachlernens muss jeweils
Bedarf
und Notwendigkeiten der Lerner folgen, das bedeutet einen Wechsel vom
Klagen («wenn … wäre, könnte man …») und vom Aufoktroyieren
(«ein Sprachkurs ist eben …») zum Analysieren der Situation
(«welche Lerner haben wir, was benötigen sie, wie ist das machbar?»).
Das Ergebnis dieser Analyse sind Zwecke,
zu deren Erfüllung nun angemessene Mittel gefunden werden, und
zwar für die Kursmodellierung als Gesamtkonzeption von der Zeitinvestition
über einzusetzende Materialien und Methoden bis zur Einbeziehung des
Alltags und der Freizeitaktivitäten.
Bei der Auswahl der Mittel sind nicht
nur Zwecke (Ziele von Institution und Individuum) sowie die Rahmenbedingungen
massgebend, sondern v.a. die Frage der positiven Einstellung von Lernenden
UND Lehrenden zum Sprachlernen, also zu Land und Leuten, zum Kurs mit seinen
Inhalten und Übungsformen. Vor allem Letztere müssen also entsprechend
gestaltet werden - denn dass Motivation den Erfolg steigert ist
nicht neu, wird aber zu wenig berücksichtigt (1).
Hier wird die grosse Bedeutung einer
Gesamtkonzeption
sichtbar, das heißt, dass der «Sprachkurs» sich nicht
auf den Unterricht im Kursraum beschränkt, sondern erstens deutlich
praxisbezogene Trainingselemente außerhalb der Klasse enthält
und zweitens Teil einer Betreuung für die Einlebensphase ist, auf
die er bis in Details abgestimmt ist.
Wenn man diese Punkte berücksichtigt,
ist Lernbeschleunigung für alle Lerner, auch unter schwierigen «suboptimalen»
Bedingungen machbar und keine anmassende Wichtigtuerei. Die theoretischen
Überlegungen sind hierbei nicht gerade neu, das meiste findet sich
seit Jahren in der einschlägigen Literatur - nur: schon am nächsten
Schritt gebricht es, an der Umsetzung in praxisfähige Modelle
einschliesslich zugehöriger Materialien und folglich auch deren „Implementierung"
in tatsächlich laufende Kurse. Die Praxis bleibt abhängig von
engagierten Einzelpersonen, von glücklichen Zufällen - ohne diese
befinden wir uns im Sprachunterricht unserer Großeltern, immer noch
und überwiegend.
-2-
Es gibt zu viele ungeschriebene Gesetze,
dies leider nicht nur in der alltäglichen DaF-Praxis (2),
sondern auch in der DaF-Theorie (3). Diese entspringen
aber weder theoretischen Überlegungen noch empirischen Untersuchungen
oder Erfahrungen und noch viel weniger einer Verbindung von Beidem. Sie
entspringen vielmehr der „self-fulfilling prophecy", Erfahrung, die darauf
basiert, dass man darauf basiert. Solange man nicht bereit ist (alt)philologische
Lehr-/Lern-Traditionen grundlegend in Frage zu stellen, wird man kein überzeugendes
Fremdsprachenangebot für Nichtphilologen erzielen. Deren Sprachtraining
sollte sich am Sportunterricht, nicht am Fremdsprachunterricht unserer
Schulzeit orientieren, denn Sprache ist zuallererst körperlich, ihr
Erlernen erfolgt daher eher durch Training als durch Erklärung. Reflexion
und Erklärungen müssen zur Hauptsache in den Trainingsformen
und im Trainingsaufbau enthalten sein, sie dürfen nicht grosse Zeitanteile
des Unterrichts beschlagnahmen.
Im Folgenden möchte ich zeigen,
wie man durch Konzentration auf die Situation der Personen und gezieltes
Modellieren von Kurs und Sprache ohne Hokuspokus den Spracherwerbsprozess
stark beschleunigen kann, OHNE dadurch ein irreversibles Pidgin zu erzeugen.
Zu den Erfolgen „traditioneller"
Sprachkurse für Nichtphilologen, insbesondere für solche, die
hier in englischer Sprache arbeiten und studieren, sei gesagt: Es ist nicht
allzu schwer sie zu überbieten. Viele als Anfänger eingereiste
Lerner geben Deutsch nach einem gescheiterten Kursversuch total auf; viele
Lerner erreichen trotz recht hohen Zeit- und Lernaufwandes nur ein sehr
bescheidenes Sprachniveau, das kaum Minimalkommunikation zulässt und
für alle Beteiligten sehr anstrengend ist; nur wenige erreichen ein für sie selbst und ihre Gesprächspartner
angenehmes, später ausbaufähiges oder ausgebautes Deutsch. Durch
unsere ersten Versuche zur Lernbeschleunigung konnten bisher fast alle
unsere Lerner ein weniger „anstrengendes" Umgangssprachniveau erreichen,
fast 50% von ihnen erreichen ein ausgebautes Deutsch (4);
in keinem Fall produzieren wir Deutschhasser, Leute, die die Stereotypen
der hässlichen und schweren Sprache bestätigen. Denn wer seinen
Auslandsaufenthalt durch Erwerb der Landessprache als gelungen dokumentiert, ist stolz
darauf, mag die Sprache und ist selbst der beste Beweis, dass es gar nicht
so schwer war.
2. Konkretisierung
in sprachlernbezogene Einheiten und Ziele
-3-
Lernbeschleunigung ruht auf drei
Säulen:
1. Fokus - «linguistische»
Komponente, Forscher / Lehrer tür Lerner
Philologisches Wissen brauchen
hier v.a. die Lehrenden, das aber gründlich, denn es ist sehr aufwändig,
den Unterricht so zu planen, dass die zentrale Rolle pragmatischen Sprachkönnens
durch Auswahl (Fokus) geeigneter Arbeitsinhalte und -formen zum Tragen
kommt.
2. Training - «methodische»
Komponente, Lehrer mit Lerner, Lerner mit Lerner
Die Implementierung der
fokussierten Elemente in tägliches Sprach- u. Einlebenstraining, wobei
v.a. der Intensivkurs für Neuankömmlinge als Gesamtsituation
zu bearbeiten ist, alle Methoden auf Ziele UND Personen abgestimmt sein
müssen.
3. Vertrauen - «psychologische»
Komponente, Lerner durch Umgebung
Mitgestaltung des Lebensumfeldes
(v.a. seiner Wahrnehmung), dessen Einbeziehung als praktisches Übungsfeld
im Spracherwerb dienen der Vertrauensbildung beim Lerner ebenso wie angemessene
Inhalte und Arbeitsformen im Sprachtraining. Vertrauen - in sich selbst
UND in die Umgebung, d.h. in das eigene Bestehen darin - ist der Nährboden,
ohne den Spracherwerb blockiert bleibt (und der widerwillens stammelnde,
'wohin-Akkusativ' murmelnde, papierfixierte oder dem Kurs gleich ganz fernbleibende
Lerner produziert).
Anerkennung und Umsetzung der Tatsache,
dass alle drei Elemente für den Lernerfolg gleichermaßen wichtig
sind, soll sich endlich auch im Sprachlehralltag und im Abbau der stillen
Hierarchien (Forscher / Lehrer / Betreuer) und dadurch im Versperren
des bequemen Weges der Ausreden (wenn wäre, hätte, könnte
… ich bin doch kein … ) niederschlagen.
Für die Sprachlehrer im Kurs
muss also ein starkes Umfeld da sein, das Hilfe anbietet, weil sonst
unter der völligen Überforderung verschiedene Allüren auftreten:
-
ich erfülle meinen Job als Sprachvermittler
(„x bis y Uhr"), der Rest geht mich nichts an;
-
Sprache ist mein Fachgebiet und ohne
Grammatik kann man sie eben nicht erlernen, ich bin (eigentlich) Wissenschaftler
und das will ich in meine Arbeit einbringen;
-
wichtiger als meine Arbeit als Sprachlehrer
ist eigentlich meine Funktion als Sozialarbeiter, das ist für die
Lerner nützlicher als Grammatik.
Um solche Rückzüge und deren
(negative) Auswirkungen auf den Sprachlernerfolg zu vermeiden, benötigen
die Lehrenden nicht nur die nötige Ausbildung, sondern auch Material,
das ihnen für Auswahl und Zusammenstellung zur Verfügung steht,
so dass sie sich aufs Training konzentrieren können.
-4-
Die Betreuer und Ansprechpartner
der Lerner im Umfeld arbeiten mit den Lehrern zusammen, arbeiten den Lehrpersonen
zu, indem sie ihnen Hinweise über Notwendigkeiten und Rückmeldung
über die aktuelle Situation der Lerner geben. Die Lehrer arbeiten
dann wiederum dem Umfeld zu, indem sie die Lerner zur Kommunikation eben
dort ausbilden. Der Zeiteinsatz für die Besprechungen lohnt sich mehrfach,
zahlt sich bald aus in der Verringerung des Zeitaufwandes zur Überwindung
von Widerständen und Missverständnissen, zur Reparatur von Schäden
und zum „Kampf" mit verärgerten und blockierten Personen.
Im Folgenden möchte ich die
Punkte Fokus und Training konkretisieren, der dritte Punkt,
Vertrauensbildung
und Einbeziehung des Umfeldes, ist in deren Bearbeitung untrennbar
verflochten. Hier geht es um konkrete Beispiele aus den Bereichen Sprache
(Fokus) und Unterrichten (Training), denn die Frage ist am Ende nicht mehr
„Was muss ich machen?", sondern „WIE mache ich das, welche Materialien
und Aufgaben jetzt und hier für MEINE Gruppe?" Und diese Frage ist
kein Ruf nach Rezeptologie, sondern Lehreralltag, um dessen Belange zu
kümmern die Forschung sich kaum herbeilässt.
2.1:
Fokus - Kernbereiche auswählen, strukturieren und hierarchisieren

Bei der Fokussetzung für Nichtphilologen
wird grundsätzlich von Bedeutung ausgegangen, da Sprache primär
bedeutet und Bedeutung sich durch Kommunikation vermitteln, verstehen und
benutzen lässt, was Lerneraktivitäten im Zielbereich verlangt
(im Gegensatz zu metasprachlichen Erklärungen, die das Wissensmonopol
und die Aktivitäten auf Seiten der Lehrenden verstärken).
(a)
Bedeutung in Routinen:
Hier geht es zuerst um die Auswahl frequenter
sprachlicher Einheiten für „Standardsituationen" und elementare Sprachbereiche
(abgestimmt auf das Umfeld der Lerner). Das ist recht einfach verstehbar:
Gemeint sind „Sprechhandlungen" wie danken, beschreiben, erklären,
fordern ... Dabei werden anfangs minimale Mittel für die Produktion,
maximale für die Rezeption benötigt, denn der Lerner ist direkt
dem ganzen Spektrum der Sprache im Alltag ausgesetzt, muss sich darin bewegen
und benötigt dazu v.a. die Fähigkeit zu verstehen, um dann mit
seinen vorerst geringen Mitteln möglichst gut mitzuspielen. Bei den
Routinen lässt sich hierbei z.B. reduzieren, indem anstatt der in
Lehrbüchern aufgezeigten vollen Breite der Möglichkeiten im deutschsprachigen
Raum zu grüßen zunächst nur die ortsüblichen Varianten
(formal und informell) eingeführt werden. Zentral sind anfangs auch
typische Sprachlerner-Routinen (5), die wie Pionierpflanzen
anfangs verstärkt auftreten, um mit der Zeit von der Sprache
überwuchert zu werden. Diese Routinen müssen auch routinisiert
werden. Nur so wird das Selbstbewusstsein aufgebaut, dass tatsächlich
alles in der Zielsprache verhandelbar ist und das Ausweichen ins Englische
nicht notwendig (wo die Lerner sonst einrasten, wenn sie erleben, dass
ihre Sprache immer versagt, wenn es schwierig wird). Gleichzeitig sind
diese Elemente voller frequenter Wörter, Strukturen und Bilder, die
einen nützlichen sprachlichen Grundstock auch für den Aufbau
von „Sprachgefühl" liefern. Routinen sind schließlich auch Ausdrucksformen
von Höflichkeit, von Kommentaren, von Zeitigkeit usw. aus denen ebenfalls
typische ausgewählt und immer wieder benutzt werden. Die Umgangsformen
im Kurs gehören ja faktisch zur täglichen Routine - umso wichtiger,
dass sie in der Zielsprache ausgedrückt und in typischen Formen wiederholt
auftreten, Lehrende hier nicht bizarre Individualität dokumentieren,
sondern die Lerner gezielt auf die Umgebung vorbereiten. Ebenfalls in diesen
Bereich gehört der routinierte Umgang mit den sprachlichen Bezeichnungen
für die neue Umgebung, also die Benutzung von Personen-, Orts- und
Tätigkeitsbezeichnungen in phonetisch und kollokativ angemessener
Form.
-5-
(b)
Bedeutung in Sprachbewusstsein:
Erwachsene, insbesondere mehrsprachige
Lerner, brauchen unbedingt einen Überblick über das gesamte Sprachsystem.
Sie brauchen zum einen geeignete Bücher und Lernsoftware - ein Angebot
von verschiedenen (auch zweisprachigen) Grammatiken, Übungsmaterialien
und thematischen Wörterbüchern. Zum anderen brauchen sie Lehrer,
die in vielfältiger Weise Zugangsmöglichkeiten zur neuen Sprache
aufzeigen können. Dabei müssen vorherige Sprachlernerfahrungen
und -kenntnisse ebenso einbezogen sein wie die verschiedenen Lernertypen.
Beständiges Aufzeigen von Systemizität und einfacher Zugänglichkeit
des Deutschen wirkt vertrauensbildend, fördert die Liebe zur Sprache
und unterstützt die Akzeptanz ihrer Körperlichkeit (Phonetik) und
Neuheit („Fehler" gehören dazu). Solche Einblicke und Überblicke
ermöglichen den Lernern früh die Teilhabe an der Schönheit
und Leichtigkeit der Sprache. Das sei an einigen Beispielen veranschaulicht:
Bsp. L3: Vorherige Kenntnis
des Englischen KANN den Erwerb des Deutschen erleichtern, KANN aber auch
zu großer Verwirrung führen. Denn einerseits gibt es in Lexik
und Grammatik viele Ähnlichkeiten und Entsprechungen, auch in der
Phonetik gibt es systematische Beziehungen zu entdecken, die den Deutscherwerb
beschleunigen. Im Wortschatz betrifft das neben Anglizismen und Internationalismen
auch sehr viele Wörter im Alltagsbereich und die Einteilung semantischer
Bereiche wie Richtung und Bewegungen. In der Grammatik betrifft es Bereiche
wie Adjektivsteigerung, Stammformen der Verben, zweiteilige Verben, Konditional
(Hufeisen, 1994 und Hufeisen/Neuner, 2001). Diese Dinge finden die Lerner
durchaus selbst und schließen daraus oft zu
weitgehend, z.B. dass dies auch für Modalverben, Zeitigkeit oder Funktionswörter
gilt. Es ist Aufgabe der Lehrer, hier bewusst zu machen, dass an solchen
Stellen der Rückgriff auf die Muttersprache den Lernprozess deutlich
erleichtert, der Weg über das Englische dagegen in beiden Fremdsprachen
Verwirrung stiften würde.
Bsp. Kategorien: In verschiedenen
Sprachen sind verschiedene Kategorien verschieden weitgehend wirksam und
wichtig für Kollokationen und Strukturen. Eine Basiskategorie im Deutschen
ist die Unterscheidung „dynamisch - statisch", die sich in mehreren Bereichen
von Lexik und Syntax niederschlägt. Hier sind „Kleinigkeiten" (z.B.
Verbpaare „sitzen-setzen, stehen-stellen" usw.) von Anfang an zu fokussieren,
da sich sonst der weitere Lernprozess verkompliziert. Wer das Prinzip grundsätzlich
verstanden hat, akzeptiert ganz beruhigt das Phänomen, dass Präpositionen,
die sowohl statisch als auch dynamisch gebraucht werden können, entsprechend
mit zwei Kasus auftreten, während die anderen Präpositionen diese
Unterscheidung nicht benötigen. Der richtige Gebrauch vom Kasus ist
hierbei für den Lerner aber relativ nebensächlich, der Fokus
richtet sich vielmehr auf die Auswahl der richtigen Präposition. Konzentration
auf Ersteres würde den Lernprozess verlangsamen, bei Letzterem ist
das korrekte Erlernen dagegen unabdingbar. Das Grundsätzliche lässt
sich nämlich über Inhaltswörter viel leichter erlernen und
später auf abstraktere Bereiche ausdehnen. Falls ein Lerner so weit
nicht gelangt, kann er mit Fehlern in der Kasuswahl sehr erfolgreich kommunizieren,
was bei Fehlern in Verb- oder Präpositionswahl nicht gegeben ist.
Bsp. „Prinzipien": Im Deutschen
gibt es ein Prinzip des „Vom-Ende-her-Denkens", mit dem man Wortbildung
und Satzstellung erfassen kann - das lässt sich von den Zahlen (147
/ 174) und Komposita (Kuhmilch / Milchkuh) über trennbare Verben usw.
bis zu Traditionen im deutschen Ingenieurwesen aufzeigen und in einem einfachen
Beispiel chiffrieren: Coca-Cola heißt bei uns nicht Coca, sondern
Cola und das ist kein Zufall, sondern folgt genau diesem Prinzip. So etwas
macht Spaß, macht stolz und wird behalten, da nun nicht 17 scheinbar
völlig verschiedene (ärgerliche, weil willkürlich erscheinende)
Phänomene gelernt werden müssen, sondern nur ein einziges, das
nützlich und sogar ein bisschen philosophisch ist.
Solche Überlegungen werden natürlich
nicht als Vortrag präsentiert, sondern treten an passenden Stellen
im Kurs auf, wiederholen sich, werden oft - wenigstens ansatzweise - von
den Lernenden selbst entdeckt oder erfragt. Ihre Behandlung geht schnell,
ganz nebenbei, erfordert ein hohes Sprachbewusstsein bei Lehrenden, fördert
dasselbe bei Lernenden (6).
-6-
(c)
Bedeutung in Inhalt und Funktionen von Sprache (Laute, Wörter, Strukturen):
Der „klassische" Unterrichtsbereich
wird durch (a) und (b) strukturiert und SINNbezogen ausgebaut. Im Unterricht
wird die Realisierung der Grundfunktionen der Sprache aufgezeigt und mit
einer „Grundausstattung" sorgfältig und ausführlich gearbeitet.
Die Arbeit mit Routinen ist dabei allerdings ebensowenig kurstragend wie
die Arbeit am Sprach- u. Sprachlernbewusstsein - was letztlich die Hauptsache
bleibt, ist der Kursalltag, wo Spracherwerb im Großen und im Kleinen
erfolgen soll. Dazu werde ich mehr im folgenden Abschnitt („Training")
sagen. Hier sei unter dem Gesichtspunkt der Fokussierung auf Bedeutungen
eine Forderung wiederholt, die zwar nicht neu ist, aber kaum realisiert:
Die Notwendigkeit, intensiv u. tiefgehend themengebunden zu arbeiten. Denn
nur so kann Wortschatz und Inhalt, entsprechende Routinen, Textsorten usw.
tatsächlich erworben werden. Um mit einem Kurs 15-30 Unterrichtsstunden
lang an einem einzigen Thema konzentriert zu arbeiten, braucht man nicht
unbedingt viel, aber sehr gut vorbereitetes und für die Gruppe interessantes
Material. Hierbei ist es von großer Wichtigkeit, dass das für
die eher rezeptive Bearbeitung bestimmte Material sehr viel komplexer,
umfangreicher, wortschatzreicher und „schwerer" sein muss als die Materialien
für Produktionsaufgaben. Auch dies ist theoretisch nicht neu, auf
dem Lehrmittelmarkt aber noch nicht angekommen.
Innerhalb der inhaltlichen Einheiten
sind einige „Standards" zu bedenken:
-
Auswahl des Kernwortschatzes (Inhaltswörter
für das aktuelle Thema, zu Funktionswörtern s.u.): beim Themen-Wortschatz
werden zentrale Elemente aufgezeigt und ihre Anwendung u. Distribution
durch viele Beispiele erarbeitet, dadurch ihre Bedeutung immer genauer lokalisiert;
natürlich kann sehr viel Wortschatz auftauchen - mit Kernwortschatz
ist hier das gemeint, was vom Lehrer mit besonderer Aufmerksamkeit bearbeitet
wird.
-
Beachtung von lexiko-grammatikalischen
Bereichen wie Modalität, Graduierung und Negationen, Einfluss von
Raum-Zeit-Konzepten; Investitionen in diesen Bereichen lohnen bald, da
hier Sprachgefühl und Natürlichkeit erworben werden kann, sonst
so schwierig scheinende Bereiche wie die Partikeln von Anfang an dabei
sind.
-
Zentrierung auf unmarkierte Sprachformen
(plus frequentes Expressives):
-
bei Bezeichnungen „unmarkierte Wörter"
(mittlere Sprachebene; Lehrmaterial neigt teilweise zur gehobenen Sprachebene,
v.a. in der Grammatik aber auch im WS)
-
bei Funktionswörtern zunächst
Sicherung der Basisausdrücke (weil, wenn, aber ...)
-
bei Wortpaaren das „default"-Wort (groß-klein,
alt-jung)
-
beim Satzbau zunächst Klärung
und Sicherung der Basiswortstellung
-
bei der Intonation zunächst Schwerpunkt
klar auf „Normalform"
-
Permanentes Einführen und v.a.
Wiederholen von nützlichen Sinngruppen; außerdem Wortelemente
wie irgend- manch- usw., Wortgruppen wie {schon-erst-noch}, {irgendwo-überall-nirgens},
{auf-unter, oben-unten, rauf-runter}; da- als Deixenmacher (dadurch, dabei,
dazu ..., dahin, damals ...), Präpositionen als Sinngeber (Präfixe)
-
Zeitigkeit als Bedeutung lernen lassen
- einerseits das sehr einfache System im Deutschen, das eigentlich nur
zwei Zeiten kennt - „jetzt&später" und „früher". Andererseits
die Verwendung der Verbstämme, die nicht primär Zeit, sondern
Nähe und Distanz ausdrückt (die Zuordnung „Präteritalstamm-Vergangenheit"
=> Konjunktiv Präteritum ist besonders irreführend, da damit
ja Präsentisches ausgedrückt wird; ebenso die Bezeichnung „Partizip
Perfekt", wobei mit Perfekt eine Vergangenheitszeit assoziiert wird, diese
Verbform dann aber in vielen Anwendungen ein Präsens bedeuten kann
...)
-7-
Wenn diese Punkte quer zu den Themen
immer wieder auftreten, wiederholt und ausgebaut werden, dann sind die
Lerner sehr früh kommunikationsfähig, da sie die wichtigsten
„Gelenkstellen" dazu besitzen (7). Der Besitz dieser
Sprachmittel ermöglicht es den Lernern, ihre Sprachkenntnisse durch
spontane Kommunikation sehr effizient weiterzuentwickeln. Um sie möglichst
früh in diese Lage zu versetzen, ist gezieltes Training notwendig.
Damit sind wir bei der Umsetzung des Vorhabens im Kursraum angekommen:
2.2:
Spracherwerb im Sprachtraining - Aktivitäten im Kurs und anderswo
Damit die vielen theoretischen Überlegungen
und guten Vorsätze nicht verpuffen, wenn der Lehrer sich fragt: Und
was mache ich morgen mit denen?, ist zuallererst zu berücksichtigen,
dass diese Frage so nicht vorkommen darf. Sie wird immer zu Notlösungen
und mehr oder minder planlosen Beschäftigungsmaßnahmen führen.
Die Frage soll heißen: Und was mache ich in den nächsten ...
Wochen / Monaten mit dieser Gruppe?
Dabei entsteht entlang den oben getroffenen
Entscheidungen ein Gerüst, das nun vor allem mit passenden Aufgaben-
und Übungsformen zu füllen ist („Implementierung"). Natürlich
ist nicht alles bis ins Detail voraussehbar und planbar, aber ein thematisches
Gerüst mit entsprechender Materialsammlung muss ebenso vorliegen wie
eine Sammlung möglicher Aufgaben und Übungen zu diesen Materialien.
Dass im Verlauf des Kurses weggelassen wird, Neues hinzukommt usw., ist
dadurch nicht ausgeschlossen, sondern erst ermöglicht. Denn nur innerhalb
des Gesamtplanes für einen Kurs kann Woche für Woche der Detailplan
entstehen, der Stimmungen und Bedarf im Verlauf folgen kann.
Wenn der Kurs nicht einem mehrjährigen
Philologiestudium, sondern dem Spracherwerb in kurzer Zeit dienen soll,
stehen bestimmte Trainingsmethoden im Vordergrund. Wenn der Kurs sich an
mehrsprachige, gebildete Erwachsene richtet, stehen bestimmte Trainingsmethoden
im Vordergrund. Wenn die Lerner zunächst bestimmte Ausschnitte der
Zielsprache vordringlich benötigen, stehen bestimmte Trainingsmethoden
im Vordergrund:
-
Selbstverantwortung, d.h. keine Zwangseinstufung,
sondern Beratung - die Entscheidung über die Kurswahl liegt beim Lerner.
-
Sicherheit, d.h. Rhythmus und Methoden
des Kurses dürfen nicht als Zwangsjacke gestaltet sein:
-
Die Lerner (Grundstufe) können
wenn zahlenmäßig möglich zwischen „schnellerem" und „langsamerem"
Kurs wählen; wenn es nur einen Kurs gibt, wird durch Gruppenarbeit
und Rhythmuswechsel darauf geachtet, dass beides möglich ist.
-
Lernstrategien werden nicht vorgegeben,
vielmehr können die Lerner verschiedene im Kurs ausprobieren, die
Wahl ihrer Mittel bleibt ihnen jedoch überlassen.
-
Es gibt genügend Aktivitätsphasen
im Kurs, während derer jeder in seinem Tempo vorgehen kann.
-
Training gleicht eher Sporttraining
als „Unterricht": Aktivitäten liegen meistens auf Lernerseite, „Wartezeiten"
sind möglichst kurz, Erklärungsphasen knapp, klar und nützlich.
-
Übungssequenzen streben Können
an, d.h. sie beharren solange auf einem Gebiet, bis der gewünschte
Erfolg erreicht ist; dazu ist gezielte Abfolge von Vorübungen und
Annäherungen notwendig, Wechsel von Übungsformen, Wiederholungen
und Variationen; dies ist insbesondere auch im Hinblick auf das Behalten
von Wortschatz wichtig.
-
Aufgaben und Übungen sind „ehrlich"
- kein Verstecken, sondern Erarbeiten findet statt.
-
Erfolgsorientierte Aufgaben: Ziel muss
erreichbar sein, z.B. durch „leichte" Aufgaben zu „schweren" Texten, angemessene
Zeit und Hilfen bei komplexeren Aufgaben.
-
Nützliche Aufgaben: Sie müssen
einen erkennbaren Nutzen für den Spracherwerb und -gebrauch haben,
wo immer möglich mit relevantem Wortschatz u. Wendungen.
-
Trainingssequenzen beachten: z.B. Einheit
„Raum" muss vor Einheit „Zeit" stehen, da sonst das Erlernen der Bedeutung
von Präpositionen von hinten aufgezäumt würde.
-
Trennung (und Hinweise dazu) zwischen
Übungsinhalten im Kurs und weiteren Angeboten fürs Selbststudium.
-
Überprüfung des Lernerfolgs
- regelmäßige Tests als Selbstcheck, wobei die Tests nicht nur
Wortschatz, Strukturen, Hörverstehen u.ä. erfassen, sondern ganz
gezielt auch die spontane Kommunikationsfähigkeit, die Reaktionsfähigkeit
in Situationen.
-
Variation der Aufgaben- und Übungstypen
sowie der Sozialformen und Lernräume:
-
Explorationen (der eigenen Fähigkeiten
/ der Zielsprache)
-
Vergleichsaufgaben
-
Wettbewerbsartige Aufgaben
-
Strukturierungsaufgaben (z.B. von Wortschatz,
von Texten, von Phänomenen)
-
Kompositionsaufgaben
-
Improvisationsaufgaben („Überforderung"
/ „Überraschung")
-
Sicherungs- und Routinisierungsübungen
(„Unterforderung")
-
Umkehraufgaben (Lehrerrolle übernehmen,
z.B. Neuen gegenüber oder anderen Kursteilnehmern oder Gruppen gegenüber,
z.B. Aufgaben entwerfen)
-
Sorgfaltsaufgaben (Genauigkeit im Detail,
Präzision in der Ausführung)
-
Geschwindigkeitsaufgaben (Improvisation,
Risiko, Raten)
-
Wiederholungsaufgaben
-
Überprüfungsaufgaben
-
Analyse-Synthese-Aufgaben
-
...
-
Kriterien für Entscheidungen (bei
Nachfrage) ehrlich offenlegen, das gilt für alles von der Einteilung
der Kleingruppen bei Gruppenarbeit bis zur Auswahl von Inhalten und Aufgaben.
-8-
Die Rolle des Unterrichtenden als
Trainer bedeutet Verantwortung für den Lernprozess, für seine
Gestaltung, Sorge für die Verbindung von Übung in der „Sportart"
als Ganzes und Ausbau ihrer Teilkomponenten. Die Rolle des Lernenden verlangt
das stetige Training, die Ausführung der „Sportart" und die Einübung
und Verbesserung einzelner Elemente.
Neben der Vorbereitung und Aufgabenorganisation
ist eine der wesentlichen Aufgaben vom Trainer die gezielte Korrektur an
zu entwickelnden Punkten. Dabei wird man kaum von Anbeginn auf Perfektion
achten, sondern zunächst Grundelemente einfordern und automatisieren,
die immer wieder und immer weiter verbessert gar perfektioniert werden
können. In unserer Sportart, DaF, gibt es nun Korrektur-Rituale, die
Zeit kosten und deren Nutzen zweifelhaft ist: So z.B. die Angst des Lehrers
vorm ungebeugten Verb. Hier ist der Einsatz von Korrektur-Energie (bei
gesprochener Sprache) unnütz. Denn erstens ist „Infinitiv-Deutsch"
recht gut verständlich, zweitens - und das ist das gewichtigere Argument
- wächst sich dieser Fehler bei Lernern, die im zielsprachlichen Umfeld
lernen und sich auch mit geschriebener Sprache auseinandersetzen, gewöhnlich von selbst aus.
Ähnlich verhält es sich mit „haben-sein-machen-Deutsch" - der
Ausbau des Wortschatzes und die auch produktive Nutzung von bedeutungsdifferenzierteren
Verben stellt sich bei Lernern, die sich gezielt mit Sprache beschäftigen,
gewöhnlich von selbst ein, die Überhäufung mit langen Listen
von Wörtern, die in Übungen zwangsangewendet werden müssen,
hilft verfrüht kaum, führt eher zur häufigen (zwanghaften)
Verwendung von Verben mit recht engen Spezialbedeutungen in unangemessener
Umgebung. Weitere Beispiele sind die Pluralformen, Adjektivendungen, Artikel
und das Fehlen von Subjekt-Verb-Kongruenz. Bei Unterricht im Land der Zielsprache
ist auf diesen Gebieten eine (fast) automatische Verbesserung gegeben -
man würde die Lerner demotivieren, hielte man sie solange von komplexeren Kommunikationsmöglichkeiten
in der Zielsprache zurück, bis „diese elementaren Dinge sitzen". Dagegen
werden andere Fehlerbereiche übergangen, gerade deren unerbittliche
Korrektur jedoch von Anfang an notwendig ist, wenn man einen zügigen
Spracherwerb in die „richtige Richtung" ermöglichen möchte. Hierzu
gehören nicht nur Bestehen auf Durchhalten im „Aushandeln" und Korrektur
von Registerfehlern u.ä., sondern auch Bestehen auf Korrektheit in
den Bedeutungsbereichen von Modalverben, Präpositionen, Negationen,
Partikeln und frequenten Formen wie die des Konjunktiv II.
Ein Wort zur Zentrierung auf „mündliche
Fertigkeiten": Die Fertigkeiten Lesen und Schreiben sind z.B. für
unsere Zielgruppe kein wichtiger Selbstzweck, gehören aber in vielfältiger
Weise in den Kurs, z.B. zur Wortschatzerweiterung und Festigung; eine technokratische
Trennung nach Zielfertigkeiten ist m.E. weder möglich noch erstrebenswert
noch von den Lernenden gewünscht; Schwerpunkte im Training dagegen
durchaus.
... und noch eine Bemerkung zum „Vertrauen":
Es ensteht v.a. dadurch, dass die Lerner nicht als Masse, sondern als Einzelne
wahrgenommen und behandelt werden, dass ihre ersten Wochen mit Fürsorge
begleitet werden, dass sie im Kurs ermutigt und gefördert werden und
permanent die Ankommenssituation unterstützt wird. Die ersten Eindrücke
überschlagen sich, Wörter in der neuen Sprache kann man nicht
behalten, Informationen werden verwechselt, vergessen, nicht als solche
wahrgenommen. Die Namen und Bezeichnungen der neuen Umgebung müssen
ebenso geduldig wiederholt und geübt werden, wie die wichtigen Informationen
durch mehrfache Präsentation (mündlich, schriftlich, wiederholt)
und nicht durch Bedrohung mit Sanktionen vermittelt werden sollten. Einführung
und Einübung von hier selbstverständlichen Abläufen sind u.a. Bestandteil des Sprachkurses
- von den Anredekonventionen übers Ausfüllen von Bankaufträgen
bis zum Verstehen der (oft verdeckten) Hierarchien in der neuen Umgebung.
-9-
Lernbeschleunigung, schneller Fremdspracherwerb,
entsteht dann aus der hohen Qualität und Zielorientiertheit des Unterrichts,
aus der Sicherheit in der neuen Umgebung und aus der langfristigen Nutzung
der anfänglichen Euphorie, der Sorge dafür, dass sie nicht in
Resignation oder Aggressivität umschlägt.
3. Die Forschungslage
zur Beschleunigungsfrage
Bisher konnte ich keine Untersuchungen
finden, die sich unmittelbar mit der Frage der Lernbeschleunigung beim
Fremdspracherwerb beschäftigen. Gleichwohl gibt es Ergebnisse aus
Bereichen der Sprachlehrforschung, die in diese Richtung weisen, insbesondere
wenn man sie zusammensetzt und weiter konkretisiert. Außer den oben
genannten Bedingungen und in Ergänzung zu nur angedeuteten Erfordernissen
sieht es recht ermutigend aus. Denn Lernbeschleunigung ist möglich,
wenn man den Unterricht früh als Training im Aushandeln von Bedeutung
gestaltet, wenn man von der stufenweisen Progression zur gleichzeitigen
Einführung und parallelen Expansion grammatischer Phänomene wechselt,
wenn man Anfänger v.a. im rezeptiven Bereich zunächst mit großen
Mengen an Sprachmaterial versorgt ohne aber solange den produktiven zurückzustellen.
Dass dies so ist bestätigen auch folgende Forschungsergebnisse:
-
Die Arbeitsgruppe Fremdsprachenerwerb
Bielefeld (Henrici 1996) hat v.a. im Hinblick auf native / non- native-Interaktionen
wichtige Ergebnisse:
-
Die Spezifik von Interaktionen beeinflusst
den Erfolg des Sprachlernprozesses; dies bedeutet hohe Ansprüche an
die Kommunikationsleistungen des muttersprachlichen Gesprächspartners
(z.B. Antizipation von Verstehensproblemen des Lerners, Anpassung an dessen
Eigenarten, aktives Verständnissichern).
-
Kooperatives und zielorientiertes Aushandeln
von Bedeutung in ungesteuerten Situationen wirkt sich sehr günstig
auf den Erwerb aus, wobei extensive Problembearbeitung optimal ist.
Das unterstreicht das hohe Potential,
das im begleiteten immersiven Fremdsprachlernen steckt, da das authentische
Interesse Garant für echtes problem- und lösungsorientiertes
Aushandeln von Bedeutung ist.
-
Klein Gunnewiek/Herrlitz (2000) zeigen,
dass alle von ihnen untersuchten grammatischen Phänomene sich gleichzeitig
und parallel entwickeln, d.h. sie werden nebeneinander jeweils weiter ausgebaut,
nicht stufenweise nacheinander. Deutlich wird in ihrer Untersuchung das
große Gewicht, das der Aufgabenstellung im Sprachlernprozess zukommt,
insbesondere bezüglich des Grades der Beherrschung sprachlicher Merkmale.
-
Entsprechend der funktionalen Spracherwerbstheorie(n)
und der Annahme, dass Spracherwerb funktionsgesteuert erfolgt, kann Kasper
(2000) zeigen, dass Teilaspekte pragmatischen Wissens schon in frühen
Fremdspracherwerbsstadien erlernbar sind. Da Kommunikationsbedürfnisse
der Motor des Spracherwerbs sind, sollten wiederholbare Standardsituationen
(Routinen), die die Teilnahme an Sprechereignissen erlauben, von Anbeginn
zentrale Unterrichtsinhalte bilden. (Hier steht - wie so oft - leider noch
die Konkretisierung aus.) Der Erwerb der Bestandteile einer Sprechhandlung
erstreckt sich über die gesamte Lernkarriere: Schon in frühen
Stadien werden erste Elemente erworben, die Sprechhandlung wird rudimentär
ausgeführt, dann aber erst allmählich weiter bis zu elaborierten
Varianten ausgebaut.
Diese Ergebnisse betonen die Vorteile
des konzentrischen gegenüber dem stufenweisen Vorgehen im Auf- und
Ausbau der Fremdsprache. Leitlinie sind dabei nicht grammatische Einzelphänomene,
sondern funktionale Kommunikationsbereiche.
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Bleyhl (96/97) zeigt das traditionelle
(lineare) Spracherwerbs- und damit -unterrichtsmodell als widerlegt und
nennt v.a. die Fuzzyness der Lerninhalte und die Gleichzeitigkeit der Sprachverarbeitung
(mit der so möglichen Synergetik) als Beweise. Die Verbindung von
Sprachwissen zu -können sieht er dagegen als fraglich an, da diese
in verschiedenen Hirnarrealen angesiedelt sind. Insbesondere für Anfänger
muss zunächst eine „kritsche Masse an Spracherfahrung" (1996, S. 23)
angehäuft werden, ehe systematische Bearbeitung sinnvoll ist. Für
die Praxis ergibt sich daraus die Forderung, den Lernern in handlungsorientiertem
Unterricht möglichst viel „Vergleichsmaterial" (Input, authentisches
Sprachmaterial, Fokus auf Verstehen) anzubieten.
Dies trifft umso mehr auf Lernergruppen
zu, die bezüglich ihrer Muttersprachen sehr heterogen sind (was bei
Kursen im Zielsprachenland gewöhnlich der Fall ist). Denn gerade hier
kann ein Kurs Einzelpersonen eher gerecht werden, da jede bei größerer
Masse im Sprachangebot diejenigen Elemente zuerst in ihren produktiven
Sprachschatz übernimmt, die ihr aufgrund ihrer spezifischen Sprachbiographie
am leichtesten zugänglich sind.
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J. Kurtz (2001) betont, dass Sprachlehrer
ihre Aufmerksamkeit nicht vorrangig auf Personen (Lerner) als Individuen
richten sollten, sondern vielmehr auf die Gruppe als Beziehungsgefüge,
in welchem Kommunikation stattfindet. Vor diesem Hintergrund stellt er
sein Improvisationskonzept vor, das angstfreie eigeninitiative Kommunikation
fördern, vielfältige Gelegenheit zum Sprechen eröffnen und
so bei den Lernenden Sprechfreude und Selbstvertrauen in die zielsprachliche
mündliche Sprachhandlungsfähigkeit fördern soll. Kurtz zeigt
auch, dass und wie Improvisation bereits im Anfängerunterricht eingesetzt
werden kann.
Dass der Autor zu dem Schluss
kommt, auf diesem Wege sei die Entstehung einer neuen Lernkultur möglich,
bestätigt die Notwendigkeit der Gesamtkonzeption und dehnt sie auf
die Lehrenden aus. Nicht nur die Beachtung von Lebenssituation und (Lerner)gruppendynamik,
auch die Betrachtung der Lehrperson als Teil ihrer Gruppe trägt zum
Abbau traditioneller Unterrichtsschemata bei, die für den Sprachunterricht,
besonders für den an Nichtphilologen, denkbar ungeeignet sind. Er
setzt dagegen den „Improvisationstrainer", der die Anweisungen für
seine Kursplanung aus den erlebten Kommunikationsbedürfnissen (und
Defiziten) der Gruppe in Aktion ableitet.
[Eingereicht: 5/2002, überarbeitet: 10/2002]
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Literatur
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im DaF-Unterricht. München: Klett.
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= Medium-term Programm des ECML 1.1.2, Creating synergy for the learning
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zur Lernersprachenpragmatik - eine Forschungslücke. In B. Helbig et
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des Lehrens und Lernens von Fremdsprachen (S. 383-402). Tübingen:
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Klein Gunnewiek, L. & Herrlitz,
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zu einer Metapher und ihrer theoretischen Fundierung in der Sprachlernforschung.
In B. Helbig et al. (Hg.) Sprachlehrforschung im Wandel: Beiträge
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Nur ein Mythos? (I / II). Deutsch als Fremdsprache, 4, 219-225,
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und studienintegrierter Deutschunterricht in internationalen Studiengängen.
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6, 584-597.
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des sprachlichen Ausdrucks logischer Beziehungen. Deutsch als Fremdsprache,
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Von der Notwendigkeit einer Abgrenzung von Wortarten und grammatischen
Kategorien und der Gefahr einer terminologischen Falle. In E. Eggers et
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Schmid zum 70. Geburtstag (267-392). Frankfurt/Main: Peter Lang.
Rauh, G. (2002). Kategoriale Eigenschaften
deiktischer Ausdrücke. Zeitschrift für Literaturwissenschaft
und Linguistik 32, 114-145.
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Anmerkungen
1. Vgl. Kleppin
(2001/2002), die Faktoren(gruppen) zusammenstellt, welche zum Konstrukt
„Motivation" gehören. Weiterer Aufmerksamkeit bedarf nun die Gestaltbarkeit
der als einflussreich erkannten Faktoren.
2. Grammatik definiert
Progression, Unterricht = Klasse, Anfänger unterrichten Anfänger,
agierende Person = Lehrer, Basismaterial = unspezifisches Lehrwerk, Kursplanung
= nur Organisatiorisches ...
3. V.a. Tabus:
Frag nicht nach einer halbwegs einheitlichen Fachterminologie; versuch
nicht, etwas grundlegend Neues (variiere Vorhandenes oder importiere aus
EFL); frag nicht nach Anwendungsbeispielen („Rezeptologie"); mach nichts
direkt Praxisorientiertes (unwissenschaftlich) ...
4. Diese Angaben
beziehen sich auf Rundfragen in den Internationalen Studiengängen
im Januar/Februar 2002 sowie auf unsere Kursteilnehmer 1997 - 2001 an der
Universität Kaiserslautern.
5. „wie sagt man
..." „was ist das Gegenteil von / der Unterschied zwischen ..." „noch mal,
bitte langsam ..." „das habe ich verwechselt / vergessen / nicht erwartet
..." „nein, ich meine ..."
6. Weitere Beispiele:
2-Zeitensystem, Raum-unter-Zeit-unter-Logik, Einheit der Bedeutung bei
Wörtern mit „vielen Bedeutungen", Wortbildungstypen; vgl. auch Kurtz
2000b und c.
7. Eine Übersicht
über einen typischen 8-Wochen-Themenplan für einen Intensivkurs
(Grundstufe) steht in Kurtz (2000a); mehr Beispiele für Bedeutungszentrierung
in Kurtz (2000b); zu Funktionswörtern Kurtz (2000c).
Copyright ©
2003 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
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Kurtz,
Gunde. (2003). Lernbeschleunigung - Bedingungen und Schritte zur Realisierung.
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online],
8(1), 12 pp. Available: http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/kurtz7.htm
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