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Türkisches
oder deutsches Modell? Bilinguale Schulen in der Türkei und in Deutschland
Ünal Abali und Serife
Yildiz
1.
Einführung
Der vorliegende Beitrag versucht,
einen ersten Vergleich zwischen den bilingualen Sekundarschulen in der
Türkei und in Deutschland anzustellen, der bisher von der Erziehungs- oder
Sprachwissenschaft noch nicht thematisiert wurde. Es handelt sich hier
um eine einführende Bestandsaufnahme und einen Vergleich unter der besonderen
Berücksichtigung der bildungspolitischen und didaktischen Aspekte.
Um diesen Vergleich anzustellen,
muss zunächst konkretisiert werden, was man einerseits unter dem Begriff
'Zivilisation' und 'Kultur' in Deutschland und in der Türkei versteht,
und wie sich andererseits interkulturelles Lernen und Unterrichtsinhalte
zueinander verhalten. Zunächst werden die Begriffe 'Zivilisation' und 'Kultur'
erläutert.
1.1 Begriffsbestimmung
Über die Begriffe 'Zivilisation'
und 'Kultur' weisen die deutschsprachigen Veröffentlichungen ein ziemlich
heterogenes Bild auf. Im Folgenden geben wir jeweils ein Definitionsbeispiel
für die Begriffe 'Zivilisation' und 'Kultur'. In Sociologicus, im Lexikon
der Grundbegriffe, wird die Zivilisation folgendermaßen beschrieben:
Der Begriff umfasst heute
die Kenntnisse, über die ein Volk oder Staat verfügt, und die dazugehörigen
gesellschaftlichen Regeln: die sogenannte 'Vermenschlichung' der Völker
in ihren äußeren Einrichtungen und Gebräuchen und in ihrer Gesinnung. Früher
wurde bei uns 'Zivilisation' nur für technischen Fortschritt eingesetzt,
während Kultur die 'inneren Werte' des Menschen umfasste; heute bezeichnet
man die innere moralische Haltung ('jemand benimmt sich zivilisiert') als
dazugehörig (Lang, 1999).
Für den Begriff 'Kultur' gibt Andreas
Vierecke folgende Definition:
... Daran anschließend meint
'Kultur' im heutigen, umfassenden Begriffsverständnis die Gesamtheit der
einer Kulturgemeinschaft eigenen Lebens- und Organisationsformen sowie
den Inhalt und die Ausdrucksformen der vorherrschenden Wert- und Geisteshaltung,
auf die diese sozialen Ordnungsmuster gründen. Zur Kultur zählen im Einzelnen
weiterhin
die Kultursysteme (Wilhelm Dilthey), d.h. die besonderen Sitten und Bräuche,
das jeweilige Bildungs- und Erziehungssystem, Wissenschaft und Technik,
Religion, Sprache und Schrift, Kunst, Kleidung, Siedlungs- und Bauwesen,
sowie das politische, das wirtschaftliche und das Rechtssystem (Vierecke,
2002).
Wie aus dem Vergleich der o.a. Definitionen
hervorgeht, ist es nicht einfach, wenn nicht unmöglich, die Konturen dieser
beiden Begriffe voneinander zu trennen, weil heute in der deutschsprachigen
wissenschaftlichen Diskussion nicht mehr eindeutig unterschieden wird zwischen
Zivilisation und Kultur wie im 19. Jahrhundert. Die Unterscheidung - Zivilisation
als Technik und Materielles, Kultur als Werte und geistige, künstlerische
Errungenschaften - hat sich nicht durchgesetzt. Die deutschsprachige Wissenschaft
bevorzugt derzeit im Gegensatz zur 'Zivilisation' den Begriff 'Kultur',
und damit meint sie oft auch den Begriff 'Zivilisation'. Nicht nur in Deutschland:
"In den meisten westlichen Sprachen bedeutet 'Kultur' gemeinhin 'Zivilisation'"
(Hofstede, 2001, 3).
-2-
Nach einer eingehenden Betrachtungsweise
wird eine Unterscheidung zwischen Zivilisation und Kultur doch möglich.
Der Begriff 'Zivilisation' meint etwas Langfristigeres als 'Kultur'. Bei
der Interpretation des bekannten Werkes Über den Prozeß der Zivilisation
von Norbert Elias, der die Zivilisation als einen psychodynamischen Prozess
versteht, schreibt Claus Altmayer folgende Formulierungen:
'Kultur' und 'Zivilisation'
bezeichnen somit keine Gegensätze, sondern lediglich unterschiedliche Aspekte
derselben Sache: 'Zivilisation' hebt den zeitlich-dynamischen Aspekt hervor,
wohingegen 'Kultur' einen Querschnitt des Prozesses zu einem bestimmten
Zeitpunkt meint (Altmayer, 1997, 18).
Bei 'Kultur' handelt es sich also um
kürzere Phänomene, die manchmal während der Existenzdauer eines Staates
ihre Gültigkeit haben, wogegen die Zivilisation Leistungen und Werte umfassen
kann, die über einige Staaten hinweg gelten.
Etymologisch geht der Begriff 'Zivilisation'
in Europa auf das lateinische Wort cives (Bürger) zurück, in der
Türkei aber auf das Wort Stadt. Sowohl der osmanische Zivilisationsbegriff
„medeniyet“ als auch der türkische Begriff „uygarlık“, der
in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gebildet wurde, stammen aus
dem arabischen Begriff „medine“ und dem türkischen Wort „uygur“,
weil die Uiguren die ersten türkischen Stämme waren, die Städte bebauten.
Mit dem Wechsel des langfristigen Zivilisationsziels haben die Türken also
auch den Begriff für die Zivilisation geändert, von medeniyet zu
uygarlık.
Im Gegensatz zu Deutschland bedeutete
im 19. Jahrhundert der von Frankreich übernommene Begriff "civilisation"
im osmanischen Reich zunächst gutes Benehmen, vor allem Feinheit und Höflichkeit
in menschlichen Beziehungen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
wurde zwar der Zivilisationsbegriff auf den technischen Fortschritt erweitert,
damit war er aber mit dem in Deutschland gebrauchten Zivilisationsbegriff
nicht deckungsgleich: die Deutschen verstanden darunter im Allgemeinen
nur den technischen Fortschritt.
Anfang des 20. Jahrhunderts existierten
im osmanischen Reich verschiedene Interpretationen von Zivilisation. Bei
der Diskussion, das osmanische Reich zu retten, setzte sich immer wieder
das Argument durch, wonach die Japaner als Vorbild gesehen wurden. Man
sollte wie die Japaner von der westlichen Zivilisation nur die Technik
und Wissenschaft übernehmen, gleichzeitig die moralischen, gesellschaftlichen
Werte aber bewahren.
Durch den Nationalismus, der mit
der Gründung der Republik Türkei (1923) einen offiziellen Charakter gewann,
haben die Begriffe Zivilisation und Kultur eine spezifische Bedeutung bekommen.
An der Gestaltung der begrifflichen Klärung war vor allem der türkische
Soziologe Ziya Gökalp maßgeblich beteiligt. In seinem Buch Türkçülüğün
Esasları (Grundlagen des Turkismus) hat er sein Identitätskonzept
für die türkische Gesellschaft wie folgt zusammengefasst:
| 1) Türk milletindenim. |
(Ich gehöre der türkischen Nation, |
| 2) Íslâm ümmetindenim. |
der islamischen Gemeinde, |
| 3) Batı medeniyetindenim. |
der westlichen Zivilisation an.) |
| (zit. nach Güvenç,
1993, 28). |
|
-3-
Nach seinem Tod im Jahre 1924 übernahmen
die türkischen Intellektuellen und der türkische Staat nur zwei Komponenten
des o.g. Konzeptes: 'türkische Nation' und 'westliche Zivilisation.' Die
Komponente 'türkische Nation' wurde mit dem Begriff 'kültür' (Kultur)
in Verbindung gebracht sowie 'batı medeniyeti' (westliche Zivilisation)
mit Wissenschaft und Technologie. Diese Trennung der Begriffe hat in der
Türkei zum Teil bis heute überlebt und färbt die aktuellen Diskussionen
über den Beitritt in die Europäische Union an.
Abgesehen von dem islamischen Konzept
herrschen in der Türkei unter Wissenschaftlern und Intellektuellen zwei
Ansätze. Der erste Ansatz befürwortet, wie seit den zwanziger Jahren des
20. Jahrhunderts, die Übernahme der westlichen Zivilisation bzw. die wissenschaftlichen
und technologischen Erkenntnisse bei gleichzeitiger Bewahrung des eigenen
(nationalen) Kulturgutes, wobei man die beiden Begriffe für trennbar hält.
Nach dem zweiten Ansatz können die Begriffe 'Zivilisation' und 'Kultur'
nicht mehr als getrennte Sphäre angesehen werden. Zivilisation und Kultur
bilden eine begriffliche Kongruenz, die Inhalte beider Begriffe beeinflussen
sich gegenseitig. Mit anderen Worten: Es müssen bestimmte gesellschaftliche,
historische und sprachliche Werte verinnerlicht sein, um langfristige wissenschaftliche
und technologische Erfolge zu erzielen.
Nachdem wir die deutsche und türkische
Perspektive hinsichtlich der Begriffe 'Zivilisation' und 'Kultur' dargestellt
haben, gehen wir im vorliegenden Beitrag von dem folgenden Kultur- und
Zivilisationsverständnis aus: Kultur und Zivilisation sind weder synonyme
noch antonyme Begriffe. Sie stehen weder nebeneinander noch gegeneinander.
Sie liegen ineinander. Unter Zivilisation verstehen wir einen länger dauernden
Prozess als Kultur.
1.2 Verhältnis
von Unterrichtsinhalt und interkulturellem Lernen
Den zweiten Schwerpunkt unserer Einführung
stellt das Verhältnis von Unterrichtsinhalt und interkulturellem Lernen
dar. In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, welche Ziele die Kultusministerkonferenz
mit dem fremdsprachlichen Unterricht in Deutschland verbindet. Nach dem
Bericht des Schulausschusses der Kultusministerkonferenz wird von fremdsprachlichen
Unterrichtsfächern „aus dem gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld“
(Geographie, Geschichte, Sozialkunde)“ (Sekretariat, 1999, 9) erwartet,
dass sie die Schüler „zu kulturellen Mittlern heranbildet“. Kulturelle
Mittler können vor allem die Schüler sein, die über eine interkulturelle
Kompetenz mit Doppelperspektive verfügen. Die Entwicklung einer Doppelperspektive,
die durch das interkulturelle Lernen möglich ist, ist von zentraler Bedeutung
für den Gegenstand des vorliegenden Artikels. Sie stellt auch für die türkischen
Generationen eine existentielle Voraussetzung dar, wenn sie die anderen
Europäer verstehen und wenn sie von den anderen Europäern verstanden werden
wollen (Polat, 2000, 23).
Bei den mathematisch-naturwissenschaftlichen
Fächern in einer Fremdsprache spricht der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz
nicht von kulturellen Mittlern, sondern vom Erwerb der „Wissenschaftssprache“
(Sekretariat, 1999). Hier geht es also darum, wie sehr die Unterrichtsinhalte
der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer kulturell und kulturübergreifend
sein können (Schmid-Schönbein, 1999, 1), während bei den Inhalten des mathematisch-naturwissenschaftlichen
Unterrichts der Grad der sich auf die Kultursysteme beziehenden Interkulturalität
abnimmt.
-4-
Beim mathematisch-naturwissenschaftlichen
Unterricht in einer Fremdsprache gewinnt die Entwicklung der Wissenschaftssprache,
die eine Fachsprache ist, mehr Bedeutung. Fachsprachen erfordern wiederum
eine formale Schulung der Denkfähigkeit. Gewiss kann auch der mathematisch-naturwissenschaftliche
Unterricht einen kulturellen Aspekt haben, wie z.B. in den Veröffentlichungen
von Susanne Prediger zum Ausdruck kommt. Sie entwickelt einen Ansatz, in
dem sie Mathematik als interkulturelles Lernen auffasst. Sie betrachtet
Mathematik als Kultur formalen Denkens, also eine geschulte, verfeinerte
Form des Denkens (Prediger, 2001). Die methodischen Wege zu mathematischem
Denken und zu mathematischen Erkenntnissen können von Kulturkreis zu Kulturkreis
unterschiedlich sein. Die mathematischen Erkenntnisse selbst bleiben aber
nicht von einem Kultursystem abhängig, weil sie dem Menschen gegenüber
als objektiv Gegebenes auftreten können. Bei gesellschaftswissenschaftlichen
Erkenntnissen können wir nicht mit der gleichen Genauigkeit behaupten,
dass sie als objektiv Gegebenes auftreten können.
Da es durch bildungspolitische Maßnahmen
möglich ist, z.B. den Geschichtsunterricht durch den Ethnozentrismus zu
fördern, kann man von einem eigenkulturellen Geschichtsunterricht sprechen
(vgl. Yıldız, 1993 und Strohmeier, 1987). Es ist natürlich möglich, in
die Textaufgaben des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts eigenkulturelle
Elemente hineinzusetzen. Der mathematische oder naturwissenschaftliche
Unterricht lässt sich aber nicht in dem Ausmaß durch den Ethnozentrismus
färben wie der gesellschaftswissenschaftliche Unterricht.
Ein kurzer Vergleich der deutschen
und türkischen Geschichtsbücher kann in diesem Zusammenhang didaktische
Anhaltspunkte geben. An der didaktischen Auswahl der zu behandelnden Lernstoffe
lässt sich z.B. der äußerliche Unterschied zwischen den deutschen und türkischen
Geschichtsbüchern feststellen. Im in den 7. Klassen der deutschen Schulen
immer noch gebrauchten Buch mit dem Titel Geschichtsbuch. Die Menschen
und ihre Geschichte in Darstellungen und Dokumenten macht der Umfang
der Seiten, die sich auf Kriege und Verträge beziehen, ca. 15% aus (Martin
und Zwölfer, 1987). Bei dem türkischen Geschichtsbuch für die 7. Klassen
Millî
Tarih II erhöht sich der Anteil dieser Seiten auf 40% (Akşit, 1993).
Im deutschen Geschichtsbuch, das auf Fakten und anschaulichen Dokumentenbeispielen
basiert, werden soziale, wirtschaftliche und kulturelle Verhältnisse analysiert.
Auch das Leben des einfachen Mannes wird dargestellt, z.B. Familienleben,
Berufe, Landbewohner. Die Schüler werden dazu angeregt, den Zusammenhang
zwischen den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen zu entdecken.
In den teilweise emotional geschriebenen Darstellungen des türkischen Geschichtsbuches
nehmen Kriege, Eroberungen und Verträge einen größeren Platz ein als bei
dem deutschen.
Welche Konsequenzen sind aus den
o.g. Aspekten des muttersprachlichen Geschichtsunterrichts zu ziehen? Der
muttersprachliche Unterricht in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern
begünstigt die Verinnerlichung der eigenkulturellen Perspektivierung. Wo
es sich aber um zwei Unterrichtssprachen handelt, tritt die Notwendigkeit
eines interkulturellen Sichtwechsels auf (Abali, 1998, 18). In bilingualen
gesellschaftswissenschaftlichen Unterrichtsfächern wird daher von deutschen
Schülern erwartet, dass sie eine doppelte Perspektive entwickeln, was unter
den heutigen Voraussetzungen auch möglich ist (I. Christ, 1999, 6). Die Entwicklung der Doppelperspektive setzt eine interkulturelle
Kompetenz voraus. Mit den Worten von Herbert Christ bedingt das Verstehen
fremder Inhalte einen zweifachen Wechsel:
So muss also, wer sich in
einer anderen Sprache äußern und in einer anderen
Sprache
verstehen will, zweimal den Bezugsrahmen auswechseln: den kulturellen und
den sprachlichen (H. Christ, 1996, 8).
-5-
Genau in diesem Punkt lässt sich
der wesentliche Unterschied zwischen den gesellschaftswissenschaftlichen
und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern feststellen. Das Ausmaß
dieses zweifachen Wechsels des Bezugsrahmens ist bei Unterrichtsfächern
mit gesellschaftswissenschaftlichem Aufgabenfeld anders als bei mathematisch-naturwissenschaftlichen
Fächern. Bei den gesellschaftswissenschaftlichen Unterrichtsfächern liegt
die Schwierigkeit vielmehr im kulturellen Wechsel, weniger im fachsprachlichen.
Bei den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern liegt sie aber eher
im fachsprachlichen Bereich.
Im vorliegenden Artikel gehen wir
also von dem Ansatz aus, dass es einen qualitativ unterschiedlichen Zusammenhang
zwischen Unterrichtsinhalten und interkulturellem Lernen gibt. Der Zusammenhang
zwischen den Inhalten der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer und dem
interkulturellen Lernen ist gemeinhin stärker ausgeprägt als die Verbindung
zwischen den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichtsfächern und
dem interkulturellen Lernen (vgl. Lamfuß-Schenk und Wolff, 1999, 3). Denn
der Objektivitätsgrad des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts
ist nicht zu vergleichen mit dem Relativitätsgrad des gesellschaftswissenschaftlichen
Unterrichts.
2. Was sind bilinguale
Schulen?
Es sind Sekundarschulen in Deutschland,
in der Türkei und in anderen europäischen Ländern, die eine Fremdsprache
als Unterrichtssprache einsetzen. Je nach Land zeigen sie besondere Merkmale:
zunächst bilinguale Schulen in der Türkei. Die heutigen fremdsprachigen
Sekundarschulen in der Türkei, die ein zentralistisches Bildungswesen haben,
lassen sich in zwei Gruppen gliedern:
-
Staatliche fremdsprachige Sekundarschulen,
-
Private fremdsprachige Sekundarschulen.
Als staatliche fremdsprachige Schulen
existieren die sogenannten Anadolu-Gymnasien (Anadolu Liseleri)
und die Gymnasien mit fremdsprachigem Schwerpunkt (Yabancı Dil Ağırlıklı
Liseler), die von den Medien als „Super-Gymnasien“ (Süper Liseler)
bezeichnet werden. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Schulformen
ist die Organisation der Unterrichtssprache. Sowohl bei Anadolu-Gymnasien
als auch Super-Gymnasien beginnen die Schüler mit einer einjährigen Vorbereitungsklasse,
in der die angebotene Fremdsprache (in der Regel Englisch) intensiv unterrichtetwird.
Bei Anadolu-Gymnasien wird die in der Vorbereitungsklasse intensiv vermittelte
Fremdsprache später zur Unterrichtssprache in mathematisch-naturwissenschaftlichen
Fächern, während sie bei Super-Gymnasien nicht als Unterrichtssprache fungiert:
in weiteren Jahrgängen wird die betreffende Fremdsprache im Rahmen des
Faches Fremdsprache nur verstärkt angeboten. Der verstärkte Fremdsprachenunterricht
zeigt zugleich auch den Unterschied zu den regulären türkischen Gymnasien.
Reguläre türkische Gymnasien sehen eine geringere Wochenstundenzahl für
den Fremdsprachenunterricht vor als die der Super-Gymnasien.
Nach türkischen Presseberichten arbeitet
derzeit ein Ausschuss beim Erziehungsministerium an einem neuen Unterrichtskonzept
für türkische bilinguale Sekundarschulen. Das neue Konzept des Ausschusses,
das noch erarbeitet werden muss, sieht zum Schuljahr 2002/2003 die Abschaffung
der Vorbereitungsklassen an Anadolu-Gymnasien und an Super-Gymnasien vor.
Ab dem kommenden Schuljahr 2002/2003 soll ferner der fremdsprachliche Fachunterricht
durch den türkischsprachigen Fachunterricht ersetzt werden. Ansonsten soll
der Besuch der Anadolu-Gymnasien und der Super-Gymnasien weiterhin 4 Jahre
dauern (Zeren, 2002 und Güçlü, 2002).
-6-
In der Gruppe der Privatschulen dagegen
gibt es 4 Schulformen, die den Unterricht teilweise in einer Fremdsprache
durchführen: Es sind Minderheitenschulen (Azınlık Okulları), ausländische
Schulen (Yabancı Okullar), türkische Privatschulen (Özel Türk
Okulları) und internationale Schulen (Uluslarrası Okullar).
Die türkischen Privatschulen weisen mehrere Schulformen auf, darunter auch
die privaten Anadolu-Gymnasien.
Unter Minderheitenschulen werden
offiziell griechische, armenische und jüdische Schulen verstanden, die
von Kindern dieser ethnischen Gruppen besucht werden. Sie sind die ältesten
Schulen in der Türkei. Bereits nach der Eroberung Istanbuls (1453) durch
die Osmanen hat Sultan Mehmet II. dem Patriarchat der griechischen Orthodoxen
das Recht gegeben, u.a. eigene griechische Schulen zu verwalten. Die Bemühungen
der Armenier hinsichtlich eigener Schulen im osmanischen Reich bestand
bis zum 19. Jh. aus kleinen Versuchen. Die Entwicklung der armenischen
und jüdischen Minderheitenschulen vollzog sich erst im 19. Jh. Im Jahre
2001 gab es in der Türkei 51 Minderheitenschulen.
Ausländische Schulen waren katholische
oder protestantische Schulen im osmanischen Reich, die von Franzosen, Amerikanern,
Engländern, Österreichern oder anderen westlichen Stiftungen eingerichtet
wurden (Abali, 1992). Die Gründung der ausländischen Schulen geht auf das
Jahr 1535 zurück. Nach dem Handelsabkommen „Kapitulationen“, das Sultan
Süleyman der Prächtige mit Frankreich vereinbarte, haben die Franzosen
einige Vorrechte im osmanischen Reich erhalten. Aufgrund dieser Kapitulationen
haben die Franzosen mehrere religiöse Schulen im osmanischen Reich gegründet.
Die Reformverkündung von 1856 hat die christlichen und jüdischen Gemeinden
und ausländischen Stiftungen bestärkt, neue Schulen zu eröffnen. Die Zahl
der ausländischen Schulen scheint 1911 ihren höchsten Punkt erreicht zu
haben: 1911 gab es 1506 ausländische Schulen. Im Schuljahr 2000/2001 existierten
in der Türkei 35 ausländische Schulen. Sie werden von türkischen Schülern
besucht und sind sehr begehrt, weil sie mit ihrem fremdsprachlichen Unterricht
in der Lage sind, den gründlichen Erwerb einer europäischen Fremdsprache
zu gewährleisten.
Unter türkischen Privatschulen werden
die Schulen mit türkischen Trägern verstanden, Privatpersonen oder
Bildungsstiftungen, aber keine religiösen Körperschaften. In der Zeit vor
1923 (Gründung der Republik Türkei) haben diese säkularen Schulen keine
große Rolle gespielt. 1903 gab es im osmanischen Reich nur 28 weltliche
bzw. europäisch orientierte Privatschulen. 2001 stieg die Zahl der säkularen
türkischen Privatschulen auf 1220, die von türkischen Schülern besucht
werden. Wie bei ausländischen Schulen geht das Ansehen dieser privaten
Schulen auf den Unterricht in einer westlichen Fremdsprache (meist Englisch)
zurück.
Von den 1220 türkischen Privatschulen
sind 180 private Anadolu-Gymnasien, die die gleichen Stundentafel haben
wie die staatlichen Anadolu-Gymnasien. Der wesentliche Unterschied bezieht
sich auf das nicht unerhebliche Schulgeld, das von den privaten Anadolu-Gymnasien
verlangt wird. Die Aufnahme in ein staatliches Anadolu-Gymnasium setzt
aber das Bestehen einer strengen Ausleseprüfung voraus.
Internationale Schulen sind ebenfalls
türkische Privatschulen. Ihre herausragende Stellung kann mit dem Erwerb
des international anerkannten Gymnasialabschlusses IB (International Baccalaureate)
erklärt werden. Diese Privatschulen mit dem höchsten Schulgeld in der Türkei
wurden erst in den 80er Jahren gegründet. Heute gibt es lediglich acht
internationale Privatschulen.
-7-
Im Folgenden verstehen wir unter
dem Begriff 'türkische bilinguale Schulen' die Anadolu-Gymnasien,
sowohl die staatlichen als auch die privaten. Aufgrund der zentralistischen
Struktur des türkischen Bildungssystems ist es einfach, einen Überblick
über die einzelnen Schulformen zu geben. Da das bundesdeutsche Bildungssystem
eine föderative Struktur hat, können wir die bilingualen Schulen in Deutschland
nicht mit der gleichen Übersichtlichkeit darstellen.
Mit bilingualen Schulen in Deutschland
sind hier nicht die besonderen bikulturellen und internationalen Schulen
gemeint wie z.B. die Europa-Schulen in Berlin. Hier geht es um die „Sekundarschulen
mit bilingualem Angebot“, die eine Fremdsprache als Arbeitssprache
im Sachfachunterricht einsetzen. In der deutschsprachigen Literatur sind
diese Schulen auch unter der Bezeichnung „bilingualer Unterricht, bilinguale
Züge, bilinguale Zweige, bilinguale Bildungsgänge, bilingualer Sachfachunterricht“
zu finden (Sekretariat 1999, 4).
Dafür etablierte sich in europäischen
Ländern ein neuer Ansatz, der „Content and Language Integrated Learning
(CLIL)“ genannt wird (Lamsfuß-Schenk und Wolff, 1999). Neben diesem Ansatz
werden auch die Bezeichnungen „vehicular language“ oder „language as a
means of instruction“ (Loyall, 2000, 3) gebraucht. Die beiden letzten Bezeichnungen
werden synonym verwendet im Sinne der „Fremdsprache als Lern- und Arbeitssprache
im Fachunterricht“.
Die deutschen bilingualen Schulen
sind in der Regel normale Schulen mit bilingualen Zweigen oder mit bilingualem
Unterrichtsangebot. Um eine bildungspolitisch sinnvolle Vergleichbarkeit
zu erreichen, berücksichtigten wir hier nur die türkischen bilingualen
Sekundarschulen (Anadolu-Gymnasien) und die deutschen bilingualen Sekundarschulen
(Schulen mit bilingualem Unterrichtsangebot).
3. Bilinguale
Sekundarschulen in der Türkei
3.1 Kurzcharakteristik
Die türkischen bilingualen Sekundarschulen
(Anadolu-Gymnasien) sind nach heutiger offizieller Bezeichnung staatliche
oder private „Schulen, die einen Teil der Fächer in einer Fremdsprache
unterrichten“ (Bir Kısım Derslerin Öğretimini Yabancı Dille Yapan Okullar).
Die 1955 eingerichteten sechs Vorläufer wurden im Zuge der bildungspolitischen
Zuwendung zu den USA Bildungs-Colleges (Maarif Kolejleri) genannt.
Bis 1975 hießen die entsprechenden Nachfolge-Einrichtungen in der offiziellen
Statistik „staatliche Colleges“ (Resmî Kolejler) bzw. „Gymnasien
mit fremdsprachlichem Unterricht“ (Yabancı Dille Öğrenim Yapan Liseler).
Die bildungspolitischen Vereinheitlichungsbemühungen
führten 1975 zu der Umbenennung der staatlichen Bildungs-Colleges in Anadolu-Gymnasien.
Im Unterschied zu den Bildungs-Colleges, die unter der Perspektive der
Elite-Bildung entstanden sind, streben die Anadolu-Gymnasien eine fremdsprachliche
Ausbildung in Mathematik und Naturwissenschaften für begabte Kinder aus
breiten Schichten an.
Bis 1983 gab es nur noch allgemein
bildende Anadolu-Gymnasien. Ab 1983 wurden auch berufsbildende Anadolu-Gymnasien
gegründet. Staatliche Anadolu-Gymnasien, sowohl die allgemeinbildenden
als auch die berufsbildenden, verlangen kein Schulgeld; für den Besuch
eines privaten Anadolu-Gymnasiums ist aber ein stattliches Schulgeld erforderlich.
Bilinguale Schulen (Anadolu-Gymnasien) sind in den 80er und 90er Jahren
in der Türkei zu einer beliebten und begehrten Schulform geworden, die
jedoch nur nach einer strengen Ausleseprüfung besucht werden kann. In diese
Schulen kann im Allgemeinen jeder zwölfte Bewerber aufgenommen werden.
Sie sind Ganztagsschulen ohne den sonst in manchen Gymnasien verbreiteten
Schichtunterricht. (Der gleiche Klassenraum wird jeweils vormittags und
nachmittags von zwei Klassen benutzt.)
-8-
Seit der wichtigen Bildungsreform
im Sommer 1997, die als eine Angleichungsmaßnahme an die Bildungsstandards
der Europäischen Union zu verstehen ist, dauert der Besuch der türkischen
bilingualen Sekundarschulen meist vier Jahre (9.–12. Jahrgang). Mit der
Bildungsreform wurde die 5-jährige türkische Grundschule in eine 8-jährige
Primarbildungsschule (Ílköğretim Okulu) umgewandelt (Tapan, 2000a,
555). Die 4-jährige Besuchsdauer der türkischen bilingualen Schulen umfasst
also eine einjährige Vorbereitungsklasse und eine 3-jährige Oberstufe.
Es ist wahrscheinlich, dass die einjährige Vorbereitungsklasse ab dem kommenden
Schuljahr 2002/2003 abgeschafft und die 3-jährige Oberschule in eine 4-jährige
Oberschule umgewandelt wird (Millî Eğitim, 2002).
3.2 Unterrichtssprachen
in der türkischen Bildungsgeschichte
Um die derzeitige Unterrichtsorganisation
der türkischen bilingualen Sekundarschulen zu verstehen, muss hier auf
die osmanische (1299-1920) und türkische (1923-) Bildungsgeschichte eingegangen
werden.
Aus der Bildungsgeschichte des osmanischen
Reiches geht hervor, dass zwischen Bildungssprache bzw. Unterrichtssprache
und kultureller Identität ein nachweisbarer Zusammenhang besteht. Die Einheit
des Reiches versuchten die Osmanen dadurch aufrechtzuerhalten, dass sie
die Bedeutung einer Religion und die Sprache dieser Religion hervorhoben.
Der Islam und die Amtssprache Osmanisch - man könnte sagen eine Art Arabisierung
der türkischen Sprache - bildeten also die kulturelle Grundlage des Reiches.
Wie das mittelalterliche Europa seine
Stift- und Domschulen hatte, hatte auch das osmanische Reich seine
theologischen Schulen. Die islamischen Stiftschulen (Sekundar- und Hochschulen),
die „medrese“ hießen, überlebten viel länger als die christlichen
Stiftschulen in Europa. Da die Medresen, in denen die türkischsprachigen
Scholaren ihre arabische Lektüre auswendig lernten, bis 1924 offen blieben,
kann behauptet werden, dass in diesem Bereich das osmanische Mittelalter
bis Anfang des 20. Jahrhunderts dauerte. Während die Medresen der Fremdsprache
Arabisch als Unterrichtssprache dienten, wurde die Muttersprache der islamischen
Scholaren, also Türkisch, nicht einmal als Unterrichtsfach angeboten. Schließlich
sollten die Medresen zur Etablierung der islamischen Identität im Reich
dienen. Denn Arabisch war die Sprache des Koran wie damals in Europa Latein
die Sprache der Bibel.
Ein Teil der türkischen Intellektuellen
sieht heute eine Parallelität zwischen der fremdsprachigen (arabischen)
Bildung und der wissenschaftlichen Rückständigkeit des osmanischen Reiches.
So fragt der türkische Fremdsprachendidaktiker Ömer Demircan, ob es eine
Nation gäbe, die die wissenschaftliche Bildung in einer Fremdsprache organisiert
und dennoch Erfolge erzielt. Nach ihm ist das 500-jährige osmanische Experiment
ein Paradebeispiel dafür, dass es nicht gelingt (Demircan, 1988, 29).
-9-
Ab 1773 bekamen die islamisch geprägten
Medresen einen nicht-islamischen Konkurrenten. Die osmanischen Geistlichen
waren bis dahin gegen jede Form der Eröffnung einer europäisch orientierten
Schule für Schüler islamischen Glaubens im Reich. Als aber die osmanische
Flotte 1770 durch die russische Flotte beinahe vernichtet wurde, hatte
der osmanische Sultan einen berechtigten Grund, 1773 die erste europäisch
orientierte Schule zu gründen; sie war eine Militärschule für Marineingenieure
(Mühendishane-i Bahrî Humâyûn). Mit dieser neuen Schule kam auch
ein neuer Begriff in die osmanische Bildungslandschaft; die neuen Schulen
wurden nunmehr als „mektep“ bezeichnet, also nicht mehr als „medrese“.
Im 19. Jahrhundert wurden nach französischem Vorbild weitere Militär- und
Medizinschulen eröffnet. Sie hatten aber ein großes Problem: die Unterrichtssprache.
Da die Lehrer Franzosen waren, wurde der in Französisch gehaltene Unterricht
durch einen Dolmetscher ins Türkische übersetzt. Die Schüler waren aber
nicht ohne weiteres in der Lage, in ihrer Muttersprache Türkisch Notizen
zu machen, weil sie bis dahin nicht gelernt hatten, auf Türkisch zu schreiben.
Damals hat man eher Türkisch gesprochen und Osmanisch geschrieben. So entstand
im osmanischen Reich zum ersten Mal die Notwendigkeit des muttersprachlichen
Unterrichts Türkisch.
Ab 1845 wurden Schulklassen eingerichtet,
in denen der türkische Lese- und Schreibunterricht angeboten wurde. Die
erste türkische Fibel (Nuhbe-t’ül Etfâl) wurde erst 1858 veröffentlicht.
Der mutterprachliche Unterricht begann also im osmanischen Reich ca. 400
Jahre später als in Deutschland. Bereits im 15. Jahrhundert gab es in Deutschland
die städtischen Schreib- und Leseschulen, die in deutscher Sprache unterrichteten.
Eine weitere Konsequenz der europäisch
orientierten Schulen war die Entstehung der Nationalismus-Bewegung im osmanischen
Reich. Der muttersprachliche Unterricht Türkisch und die Fremdsprache Französisch,
die im Fächerkanon dieser Schulen einen wichtigen Platz einnahmen, begünstigten
die Entstehung des türkischen Nationalismus. Die osmanischen Intellektuellen
mit Französischkenntnissen, begeistert von der französischen Revolution
(1789), verbreiteten die Notwendigkeit einer nationalen Identität, um dem
Untergang des osmanischen Reiches entgegenzuwirken.
Als das osmanische Reich 1920 unterging
und 1923 die Republik Türkei gegründet wurde, siegten die Nationalisten
militärisch und politisch. Nun sollte die neue Republik nicht mehr eine
islamisch-osmanische Identität bekommen, sondern eine türkisch-nationale.
Die Bildungseinrichtungen waren das beste Mittel, die neue nationale Identität
aufzubauen.
Welche Unterrichtsfächer waren da
besonders geeignet, eine nationale Identität aufzubauen? Für die türkischen
Politiker waren sie türkische Sprache und Literatur, Geschichte, Geographie,
Sozialkunde, Reformgeschichte der Republik Türkei und nationale Sicherheitskunde,
die in amtlichen Dokumenten als „Kulturfächer“ (kültür dersleri),
bezeichnet wurden. Wegen seiner im Vergleich zu Europa verspäteten Entstehung
hat der Nationalismus in der Türkei eine ausgeprägtere Erscheinungsform
als in europäischen Ländern. Dies zeigt sich z.B. in der bildungspolitischen
Verbindung zwischen den o.g. Unterrichtsfächern und dem türkischen Nationalismus.
Als die ersten fremdsprachigen Sekundarschulen
in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegründet wurden, blieb in
dieser bildungspolitischen Konstellation wenig Raum, einige der o.g. Unterrichtsfächer
in einer Fremdsprache anzubieten. Mathematik und Naturwissenschaften konnten
aber in einer Fremdsprache unterrichtet werden, weil sie nach dem geltenden
offiziellen, hauptsächlich durch die Gedanken von Ziya Gökalp geprägten
Identitätsansatz einerseits der Förderung einer nationalen Identität sowieso
nicht viel beitragen konnten, andererseits brauchte die Türkei die moderne
Wissenschaft und den Technologie-Transfer aus dem Westen. So wurden z.B.
der englischsprachige Mathematikunterricht und die Naturwissenschaften
als Schlüsselqualifikationen für die wissenschaftliche Forschung und Lehre
vorausgesetzt.
-10-
Nach den in der Türkei durchgeführten
Umfragen spricht sich die Mehrheit der türkischen Gesellschaft für den
Beitritt der Türkei in die Europäische Union aus. Vor dem Hintergrund eines
zukünftigen Beitritts der Türkei in die EU begann heute (2002) eine lebhafte
öffentliche Diskussion über die politischen und kulturellen Konkretisierungsformen
der Europäisierung: inwieweit sollen die bestehenden Elemente der nationalen
Identität modifiziert und die Grundlagen einer europäischen Identität (z.B.
Grundsätze der Europäischen Union) angenommen werden?
3.3
Zielsetzung
Die Zielsetzung der türkischen bilingualen
Sekundarschulen kann im Zusammenhang mit dem offiziellen Zivilisations-
und Kulturverständnis erklärt werden, das wir oben erörtert haben. So ist
auch die Gründung von Bildungs-Colleges zu verstehen, die 1955 in dem damals
der US-amerikanischen Pädagogik gegenüber sehr aufgeschlossenen Klima in
der Türkei eingerichtet wurden. Als Prinzip dieser kostenpflichtigen Schulen
galt die Unterrichtung der naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächer
in Englisch; die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer wurden in Türkisch
unterrichtet. Diese Konzeption wurde später von den Anadolu-Gymnasien direkt
übernommen.
Die Bildungs-Colleges, die durchaus
das Ziel einer Elite-Bildung der türkischen Gymnasialjugend anstrebten,
stießen am Anfang auf eine bildungspolitisch begründete Skepsis; mit den
ausländischen Schulen (deren Zahl stieg im Jahre 1911 auf 1506), die zumeist
Missionarschulen waren, hatte das Osmanische Reich keine gute Erfahrung
gehabt.
Nach einigen Jahren erfuhren aber
die englischsprachigen Bildungs-Colleges eine breite Akzeptanz durch die
türkische Öffentlichkeit, da das Unterrichtsniveau eindeutig höher lag
als an normalen staatlichen Gymnasien. Vor diesem Hintergrund stieg die
Zahl der Bildungs-Colleges an. Der Begriff des „Kolej“ wurde so
positiv besetzt, so dass sich auch heute noch private Oberschulen dieses
Begriffs bedienen, die den Unterricht teilweise in einer Fremdsprache durchführen.
Ziel der früheren Bildungs-Colleges
und der heutigen bilingualen Gymnasien ist, dass ihre Absolventen fremdsprachige
Veröffentlichungen - vor allem auch wissenschaftlicher Art - lesen, dass
sie an internationalen Tagungen teilnehmen und die weltweiten wissenschaftlichen
und technologischen Entwicklungen eigenständig verfolgen können. Mit diesem
langfristigen Ziel hängt die Vorbereitung auf englischsprachige bzw. fremdsprachige
Hochschuleinrichtungen in der Türkei zusammen. Vor dem Hintergrund einer
eventuellen kulturellen Entfremdung durch den Fremdsprachenunterricht sehen
die betreffenden Richtlinien türkischsprachigen Unterricht in den gesellschaftswissenschaftlichen
Fächern vor.
-11-
Als derzeitige gesetzliche Grundlage
für die bilingualen Schulen (Anadolu-Gymnasien) dient das „Gesetz für die
fremdsprachliche Erziehung und den fremdsprachlichen Unterricht“ (Yabancı
Dil Eğitimi ve Öğretimi Kanunu), Nr. 2923, vom 14. Oktober 1983 und
die Ausführungsbestimmungen (Millî Eğitim Bakanlığı Anadolu Liseleri
Yönetmeliği) für den fremdsprachlichen Unterricht in Anadolu-Gymnasien,
die am 5. November 1999 im Staatsanzeiger (Başbakanlık, 1999) veröffentlicht
wurden. Das erwähnte Gesetz bestätigt erneut die schon seit 1955 geltende
klare Grenzziehung zwischen türkischsprachigem und fremdsprachlichem Unterricht:
In den Einrichtungen der
Primar-, Sekundar- und Erwachsenenbildung dürfen das kemalistische Gedankengut
und die die kemalistischen Grundsätze und Reformen behandelnden Unterrichtsfächer
Reformgeschichte der Republik Türkei und Kemalismus, Türkische Sprache
und Literatur, Geschichte, Geographie, Sozialkunde, Religionskultur und
Moralkunde sowie die anderen Fächer, die sich auf die türkische Kultur
beziehen, nicht in der Fremdsprache erteilt und unterrichtet werden (Başbakanlık,
1983).
Nach dem Gesetz von 1983 soll der fremdsprachliche
Unterricht in pragmatischer Absicht erfolgen zur Förderung wissenschaftlicher
Kommunikation und zum Technologie-Transfer. Auch die Ausführungsbestimmungen,
die 1999 für Anadolu-Gymnasien veröffentlicht wurden, formulieren die Ziele
der türkischen bilingualen Schulen im Gesetzessinne (Başbakanlık, 1999):
Das Ziel dieser Schule ist
es:
a) die Schüler je nach Begabung
und Leistung auf die Studiengänge im Hochschulwesen vorzubereiten,
b) zu gewährleisten, dass sie eine
Fremdsprache erlernen und
c) den aktuellen Technologiestand
erreichen und benutzen zu können.
Das o.g. Gesetz sieht für die sozialwissenschaftlichen
Unterrichtsfächer nur die türkische Sprache als Unterrichtssprache vor.
Dem Gesetz liegt damit der erste Ansatz zugrunde, der in der Einführung
dargelegt wurde und wonach die Begriffe 'Zivilisation' und 'Kultur' als
trennbare Komponente betrachtet werden. Dieser Ansatz entspricht nicht
mehr dem aktuellen wissenschaftlichen Diskussionsstand, der in Europa über
die Begriffe 'Zivilisation' und 'Kultur' geführt wird.
Um dem aktuellen Stand der Europäisierungsmaßnahmen
gerecht zu werden, sollte die o.g. Formulierung des türkischen Gesetzgebers
dahingehend modifiziert werden, dass gesellschaftswissenschaftliche Fächer
im Rahmen eines bilingualen Unterrichts angeboten werden können. Vorgeschlagen
wird hier kein vollkommen monolingualer, fremdsprachlicher Fachunterricht,
sondern ein fremdsprachlicher Fachunterricht unter Berücksichtigung der
Muttersprache Türkisch wie in Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz
(Näheres dazu im Abschnitt 3.4). Zunächst kann in jedem
Jahrgang die Durchführung nur eines einzigen fremdsprachlichen Fachunterrichts
erprobt werden. Die Modernisierungsestrebungen, die von vielen türkischen
Sozialwissenschaftlern als ein 1839 begonnener Europäisierungsprozess verstanden
wird, sind jetzt so weit fortgeschritten, dass ein Unterrichtfach auch
mit einem gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld in einer europäischen
Sprache in Versuchsschulen experimentiert werden kann. Damit würde an Anadolu-Gymnasien
nichts anderes geschehen als das, was in 450 deutschen Sekundarschulen
und Schulen anderer europäischer Länder durchgeführt und entwickelt wird.
Deutsche Schüler, die englischsprachigen Sozialkunde- oder Geschichtsunterricht
bekommen, werden nicht Engländer, sondern höchstens Europäer mit der deutschen
Basisindentität. So kann der englischsprachige Sozialkunde- oder Geschichtsunterricht
in der Türkei höchstens bewirken, dass Europäer mit der türkischen Basisidentität
heranwachsen. Sowie die europäische Identität die Bewahrung einer deutschen
Identität nicht ausschließt, so wird es auch in der Türkei nicht unmöglich
sein, Europäer zu werden und Türke zu bleiben.
-12-
Dafür sprechen auch die theoretischen
Annahmen des Kemalismus, von dem die türkische Gesetzgebung im Falle der
Anadolu-Gymnasien ausgeht. Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer des Kemalismus,
brachte deutlich und mehrmals zum Ausdruck, dass die Zukunft der Türkei
in Europa liegt wie aus folgendem Zitat hervorgeht:
Seit Jahrhunderten haben
die Türken sich ständig in die gleiche Richtung bewegt – wir sind immer
vom Osten nach Westen gegangen! ... Es gibt verschiedene Länder, aber nur
eine Zivilisation. Voraussetzung für den Fortschritt der Nation ist, an
dieser einen Zivilisation teilzunehmen (Aksan, 1981, 30 und 31).
Mit der Zivilisation meinte Atatürk
die Zivilisation in Europa; um den Anschluss an die moderne Zivilisation
zu schaffen, hat er die bekannten Grundprinzipien des Kemalismus entworfen.
Damit kommen wir auf den Grundsatz 'Nationalismus', einer von sechs Grundsätzen
des Kemalismus, der für das Thema des vorliegenden Artikels von großer
Bedeutung ist. Die in den zwanziger Jahren in der Türkei bestehende Alternative
des Nationalismus war der Islamismus. Atatürk wollte aus einer islamischen
Gesellschaft (ümmet) eine Nation (millet) schaffen. Für diesen
Identitätswandel strukturierte er vor allem die Bildungseinrichtungen neu:
sie sollten nicht mehr islamisch sein, sondern national bzw. türkisch.
Auf welchen Grundlagen sollte nun die nationale Erziehung basieren? Zum
Aufbau des nationalen Bildungswesens sollten vor allem die türkische Sprache
und Geschichte beitragen.
Bei der Überlegung, gesellschaftswissenschaftliche
Fächer in einer europäischen Fremdsprache zu unterrichten, muss das türkische
Nationalismusverständnis näher erörtert werden. Lässt sich diese Form des
Unterrichts mit dem kemalistischen Nationalismusverständnis vereinbaren?
Ja. Das kemalistische Nationalismusverständnis ist so zu interpretieren,
dass es die Erprobung neuer Unterrichtsformen nicht verbietet, weil es
durch sein Prinzip Reformismus (İnkılapçılık) grundsätzlich die
ständige Modernisierung, die ständige Anpassung an die Gegebenheiten der
Moderne offen hält. Die Kriterien für die Modernisierung sind die Wissenschaft
und die Vernunft, wie es auf der Titelseite der Zeitschrift „Bilim ve Aklın
Aydınlığında Eğitim“ (s. die Ausgabe März 2000) steht, die vom türkischen
Erziehungsministerium veröffentlicht wird.
Ein Beispiel für die o.g. Anpassung
an die Moderne bildet der Beschluss des türkischen Erziehungsministeriums
vom 2 April 1998. Durch diesen Beschluss wurden die Lehrpläne für die Unterrichtsfächer
„Nationale Geschichte“ und „Nationale Geographie“ in der Mittelstufe (6.–8.
Jahrgang) ab Sommer 1998 aufgehoben und durch durch das Unterrichtsfach
„Sozialkunde“ ersetzt (Millî Eğitim, 1998).
-13-
Je nach bildungspolitischer Zielsetzung
kann in jedem Land ein Zusammenhang zwischen Sprache und Unterrichtsinhalt
hergestellt werden, insbesondere bei den gesellschaftswissenschaftlichen
Fächern. Durch diese Unterrichtsfächer ist es möglich, eine eigenkulturelle
Identität zu bekräftigen, z.B. eine türkische Identität. Bei dieser Konzeption
können muttersprachliche und gesellschaftswissenschaftliche Komponenten
einen Multiplikationseffekt aufeinander ausüben. Das Ergebnis einer solchen
Konzeption wäre wahrscheinlich die Entwicklung einer einzigen Identitätsperspektive:
eine eigenkulturelle.
Für die langfristige Integration
der Türkei in die Europäische Union ist aber neben der bestehenden eigenkulturellen
Perspektive auch die Entwicklung einer europäischen Identitätsperspektive
unumgänglich. Die zukünftigen türkischen Generationen müssen also in der
Lage sein, eine Doppelperspektive zu entwickeln. Erst diese Doppelperspektive,
die in der Literatur häufig als interkulturelles Lernen bezeichnet wird,
ermöglicht den türkischen Generationen, sich nicht nur mit den eigenen
Augen zu sehen, sondern auch mit den Augen anderer europäischer Länder.
Dies ist eine Grundvoraussetzung für jedes Mitgliedsland in der Europäischen
Union, aber auch für die Türkei.
Im Lehrplan für den Englischunterricht
an Anadolu-Gymnasien werden kulturelle Aspekte des Fremdsprachenlernens
in Betracht gezogen: Die kulturspezifische Rolle des Fremdsprachenunterrichts
wird im Lehrplan wie folgt konkretisiert (Millî Eğitim, Gençlik ve Spor
Bakanlığı, 1984, 13): „Die kulturellen Werte der englischsprachigen Länder
sollen zur Kenntnis genommen und Toleranz gegenüber den kulturellen Werten
der andersartigen Kulturen entwickelt werden.“ Nun könnte man dahingehend
argumentieren und sagen, dass die Entwicklung der erforderlichen, europäischen
Identität auch durch das Unterrichtsfach Englisch, Deutsch oder Französisch
gewährleistet werden kann. Dies gilt aber nur bis zu einem gewissen Ausmaß.
Hier muss betont werden, „dass die Lerninhalte des Sachfachs einen höheren
Grad an Realität haben als die pseudorealen Inhalte, mit welchen im Fremdsprachenunterricht
gemeinhin operiert wird“ (Wolff, 1999, 9).
3.4
Unterricht
Der Unterricht in einer türkischen
bilingualen Schule besteht derzeit (Mai 2002) aus einer einjährigen Vorbereitungsklasse
(9. Jahrgang) und einer 3-jährigen Oberstufe (10.–12. Jahrgang). Ein Ausschuss
bei dem türkischen Erziehungsministerium erarbeitet aber ein neues Konzept
über die türkische Gymnasialausbildung in der Türkei. Anlässlich dieser
Arbeit berichtete die türkische Presse, dass es die Vorbereitungsklassen
an den Anadolu-Gymnasien vom Schuljahr 2002/2003 an nicht mehr geben werde
(Zeren, 2002).
Die Vorbereitungsklasse (Hazırlık
Sınıfı) hat das Ziel, Schüler und Schülerinnen zur Teilnahme am fremdsprachlichen
Unterricht zu befähigen (Başbakanlık, 1999) und führt im 1. und 2.
Halbjahr hauptsächlich intensiven Fremdsprachenunterricht (24 Wochenstunden)
durch; im 2. Halbjahr kommt eine Einführung in die mathematische und naturwissenschaftliche
Fachterminologie hinzu. Daneben wird jedoch Muttersprachenunterricht (Türkisch)
erteilt und andere Fächer in türkischer Sprache. Der Erfolgsparameter ist
jedoch die Leistung im Fremdsprachenunterricht. Trotz des großen Andrangs
soll die Zahl der Schüler in den Vorbereitungsklassen 30 nicht überschreiten,
was aber in der Praxis nicht immer eingehalten wird.
Nach dem kritischen Jahr 1986, in
dem die Abschaffung des fremdsprachlichen Unterrichts in Anadolu-Gymnasien
vor allem wegen der fehlenden Fachkräfte erwogen wurde, hat die Türkei
1987 den Antrag auf die Vollmitgliedschaft in die Europäische Union gestellt.
Im Schuljahr 1987/88 gab es 123 allgemein bildende Anadolu-Gymnasien mit
48.137 Schülern. In den 90er Jahren hat die Zahl der Anadolu-Gymnasien
rasant zugenommen. Im Jahre 2001 ist die Zahl der allgemein bildenden Anadolu-Gymnasien
auf 727 gestiegen und die Zahl ihrer Schüler auf 261.390. Die statistische
Entwicklung bei berufsbildenden Anadolu-Gymnasien war noch schneller: von
1983 bis 2001 ist zwar ihre Zahl auf 885 gestiegen, ihre Schülerzahl aber
mit 107.056 Schülern unter der der allgemein bildenden Anadolu-Gymnasien
geblieben (Millî Eğitim Bakanlığı, 2001, 29 und 151).
-14-
Sowohl in allgemein bildenden als
auch berufsbildenden Anadolu-Gymnasien gliedert sich der Unterricht zunächst
in 4 Bereiche:
1. Pflichtfächer, die für
alle Formen von Anadolu-Gymnasien vorgesehen sind. Diese zur Allgemeinbildung
dienenden Unterrichtsfächer werden auch bei berufsbildenden Schulen obligatorisch
durchgeführt.
2. Der zweite Unterrichtsbereich
besteht aus den Pflichtfächern, die nur für den betreffenden Schulzweig,
z.B. Schulzweig Fremdsprache, vorgesehen sind. Je nach dem Schulzweig haben
die Schüler andere Pflichtfächer.
3. Die Wahlpflichtfächer in dieser
Gruppe unterscheiden sich je nach Schulzweig. Die Schüler sollen ihre auf
den Zweig bezogenen Wahlpflichtfächer so auswählen, dass sie in der Woche
sechs Stunden Unterricht bekommen können.
4. Dieser Bereich besteht auch aus
Wahlpflichtfächern, sie unterscheiden sich aber nicht von Zweig zu Zweig.
Hier haben die Schüler aller Schulzweige die gleichen Wahlpflichtfächer
zur Auswahl.
Zur Zeit existieren in der Türkei allgemein
bildende Anadolu-Gymnasien mit sieben Oberschulzweigen:
1. Fremdsprache (Yabancı
Dil Alanı),
2. Sozialwissenschaften (Sosyal
Bilimler Alanı),
3. Naturwissenschaften (Fen Bilimleri
Alanı),
4. Türkisch-Mathematik (Türkçe-Matematik
Alanı),
5. Musik (Sanat-Müzik Alanı),
6. Kunst (Sanat-Resim-Alanı)
und
7. Sport (Spor Alanı).
Im Rahmen des vorliegenden Beitrags
ist es nicht sinnvoll, die wöchentlichen Stundentafeln aller Oberstufenzweige
darzustellen. Die folgende Übersicht zeigt daher nur die wöchentliche Stundentafel
für den Fremdsprachenzweig der allgemein bildenden Anadolu-Gymnasien, die
in der ganzen Türkei gültig ist und im Septemberheft 1998 des Amtsblatts
des türkischen Erziehungsministeriums (Millî Eğitim Bakanlığı Tebliğler
Dergisi) veröffentlicht wurde. Nach aktuellen Presseberichten sollen die
derzeitigen Stundenpläne zum Schuljahr 2002/2003 geändert werden. Bis heute
(Mai 2002) gibt es aber keine amtliche Veröffentlichung darüber, ob sie
zum September 2002 außer Kraft gesetzt werden.
Wie für alle Zweige der allgemein
bildenden und berufsbildenden Anadolu-Gymnasien vorgesehen ist, besteht
auch die Stundentafel des Fremdsprachenzweiges aus vier Unterrichtsbereichen
bzw. aus vier Gruppen für Unterrichtsfächer. Zunächst der erste Unterrichtsbereich:
-15-
Wöchentliche
Stundentafel für die türkischen bilingualen Schulen (Anadolu-Gymnasien)
(Gültig ab 1998/99 für den Fremdsprachenzweig)
1. Unterrichtsbereich: Pflichtfächer
für alle Zweige
Vorbereitungsklasse
(9. Jahrgang)
Fächer / Stundenzahl
|
IX. Klasse
(10. Jahrgang)
Fächer / Stundenzahl
|
X. Klasse
(11. Jahrgang)
Fächer / Stundenzahl
|
XI. Klasse
(12. Jahrgang)
Fächer / Stundenzahl
|
| Türkisch |
4 |
| 1. Fremdsprache |
24
|
| Leibeserziehung |
2
|
|
Türkische Sprache
und Literatur |
4 |
Religionskultur
und Moral |
1 |
| Geschichte |
2 |
| Geographie |
2 |
| Gesundheitskunde |
2 |
| Leibeserziehung |
2 |
| Mathematik |
5 |
| Biologie |
2 |
| Physik |
2 |
| Chemie |
2 |
| 1. Fremdsprache |
8 |
|
Türkische Sprache
und Literatur |
4 |
Religionskultur
und Moral |
1 |
| Geschichte |
2 |
| Nationale Sicherheitskunde |
1 |
|
Türkische Sprache
und Literatur |
4 |
Religionskultur
und Moral |
1 |
Reformgeschichte
der Republik Türkei
und Kemalismus |
2 |
| Philosophie |
2 |
|
Alle
oben dargestellten Unterrichtsfächer sind obligatorisch. Die fett gedruckten
Unterrichtsfächer werden fremdsprachlich erteilt. Die Schüler des Fremdsprachenzweiges
haben aus dem oben dargestellten ersten Unterrichtsbereich in der Vorbereitungsklasse
wöchentlich 30, im 10. Jahrgang 32, im 11. Jahrgang acht und im 12. Jahrgang
neun Stunden Unterricht. Das sind aber nicht alle Unterrichtsstunden, die
ein Schüler belegen muss. Dazu kommen die Unterrichtsstunden aus den drei
anderen Unterrichtsbereichen, die wir unten dargestellt haben.
2. Unterrichtsbereich: Pflichtfächer
für den Fremdsprachenzweig
|
---
|
---
|
| 1. Fremdsprache |
10
|
| Sprachwissenschaft |
2
|
| 2. Fremdsprache |
4
|
|
| 1. Fremdsprache |
10
|
| Sprachwissenschaft |
2
|
| 2. Fremdsprache |
4
|
|
Alle Fächer und alle Stunden im o.g.
zweiten Unterrichtsbereich sind für die Schüler des Fremdsprachenzweiges
obligatorisch. Die Schüler der Vorbereitungsklasse und des 10. Jahrganges
haben aus diesem Bereich keinen Unterricht. Im 11. und 12. Jahrgang nehmen
sie aber jeweils 16 Wochenstunden Unterricht. Die Schüler weiterer Zweige
haben in diesem Bereich andere Pflichtfächer zu belegen. Die Schüler des
naturwissenschaftlichen Zweiges haben in ihrem zweiten Unterrichtsbereich
z.B. keine Fremdsprachen, sondern Physik, Chemie und Biologie.
-16-
Im dritten Unterrichtsbereich sind
Wahlpflichtfächer. Diese für die Schüler des Fremdsprachenzweiges vorgesehenen
Fächer sollen so gewählt werden, dass sie im 11. Jahrgang acht und 12.
Jahrgang sieben Wochenstunden betragen, während die Schüler der Vorbereitungsklasse
und des 10. Jahrgangs aus diesem Bereich keinen Unterricht haben. Je nach
Zweig sind die Fächer im dritten Bereich ebenfalls unterschiedlich.
3. Unterrichtsbereich: Wahlpflichtfächer
für den Fremdsprachenzweig
| |
---
|
| Literarische Texte |
3 |
Förderunterricht
1. Fremdsprache |
4 |
| Geographie der Türkei |
3 |
| Rede- und Schreibkunst |
2 |
Zwischenmenschliche
Beziehungen |
1 |
Allgemeine türkische
Geschichte |
3 |
| Psychologie |
2 |
| Computer |
2 |
|
| Literarische Texte |
3 |
Förderunterricht
1. Fremdsprache |
4 |
| Geographie der Türkei |
3 |
| Osmanische Geschichte |
3 |
| Soziologie |
2 |
| Logik |
2 |
Wissenschaft und
Technik |
1 |
| Computer |
2 |
|
Hinsichtlich des vierten Bereiches
haben die Schüler aller Zweige der allgemein bildenden und berufsbildenden
Anadolu-Gymnasien u.a. die gleichen Fächer zur Auswahl. Die Schüler der
Vorbereitungsklasse haben hier keinen Unterricht, während die Schüler der
höheren Jahrgänge nach ihrer Wahl jeweils vier Wochenstunden Unterricht
bekommen sollen.
4. Unterrichtsbereich: Wahlpflichtfächer
für alle Zweige
| Kunst |
2
|
| Musik |
2
|
| Computer |
2
|
|
| 2. Fremdsprache |
2 |
Förderunterricht
1. Fremdsprache |
2 |
| Kunst |
2 |
| Musik |
2 |
| Umwelt und Mensch |
2 |
Zwischenmenschliche
Beziehungen |
1 |
Standardisierung und
Qualität |
1 |
| Schnelllesetechniken |
1 |
| Computer |
2 |
| Verkehrskunde |
1 |
|
| Kunst |
2 |
| Musik |
2 |
| Leibeserziehung |
2 |
| Tourismus |
2 |
| Völkerkunde |
2 |
| Teamarbeitstechniken |
2 |
| Bibliothekswesen |
1 |
| Schnelllesetechniken |
1 |
|
| Kunst |
2 |
| Musik |
2 |
| Leibeserziehung |
2 |
| Tourismus |
2 |
| Umwelt und Mensch |
2 |
Demokratie und
Menschenrechte |
1 |
| Völkerkunde |
2 |
| Bibliothekswesen |
1 |
|
Außer der Vorbereitungsklasse haben
die Schüler in den Jahrgängen 10–12 jeweils eine Wochenstunde für Beratung.
Die Schüler der Vorbereitungsklasse der Anadolu-Gymnasien haben somit in
der Woche 34 Unterrichtsstunden, davon 24 Stunden für den Fremdsprachenunterricht:
hier soll die Fremdsprache intensiv gelernt werden, weil sie ab dem darauf
folgenden Jahrgang zur Unterrichtssprache wird. Einschließlich der Beratungsstunde
haben die Schüler des Fremdsprachenzweiges in den Jahrgängen 10-12 jeweils
37 Wochenstunden Unterricht. Auch die Schüler der anderen Zweige in allgemein
bildenden Gymnasien haben 37 Wochenstunden Unterricht in diesen Jahrgängen.
-17-
Wie der Lehrplan für die bilingualen
Schulen (Anadolu-Gymnasien) hinsichtlich der einzelnen Unterrichtseinheiten
für ein bestimmtes Fach den Lehrplänen der normalen Gymnasien entspricht,
so sind auch für die einzelnen Oberstufenzweige der bilingualen Schulen
generell die Lehrpläne für die Oberschulzweige der normalen Gymnasien maßgeblich.
Die Unterschiede zeigen sich in der Wochenstundenzahl des Fremdsprachenunterrichts
und bei den Pflichtfächern für die einzelnen Oberstufenzweige.
Wie man der Stundentafel entnehmen
kann, soll im 10. Jahrgang über die Hälfte des Unterrichts fremdsprachlich
erteilt werden, im 11. und 12. Jahrgang beträgt dieser Anteil fast die
Hälfte der Unterrichtszeit. Auch die Schüler der deutschen bilingualen
Schulen haben eine höhere zeitliche Belastung. Ihre Belastung ist aber
nicht so hoch wie bei den türkischen Schülern.
Die Stundentafel der türkischen bilingualen
Schulen sieht vor, dass die Fächer 1. Fremdsprache (in der Regel Englisch),
Mathematik, Biologie, Physik und Chemie in der ersten Fremdsprache erteilt
werden. Für die fremdsprachlichen Fächer existiert kein spezieller Lehrplan.
Lehrpläne gibt es nur für den Fremdsprachenunterricht. Die Arbeit für die
Erstellung dieser Lehrpläne begann 1968 durch die Zusammenarbeit der Türkei
mit dem Europarat (Demirel, 1999, 24). Inzwischen wurden für den Sprachunterricht
Englisch, Deutsch und Französisch besondere Lehrpläne erarbeitet.
Wie die allgemein bildenden Anadolu-Gymnasien
haben auch die berufsbildenden Anadolu-Gymnasien mehrere Zweige. Es sind
beispielsweise technische, berufliche, kaufmännische, gastronomische theologische
und pädagogische Zweige. Der technische Zweig der berufsbildenden Anadolu-Gymnasien
wird in der Regel von Jungen besucht, der berufliche Zweig dagegen von
Mädchen. Die theologischen Zweige sollen zur Ausbildung von islamischen
Priestern mit Fremdsprachenkenntnissen dienen. Bei den pädagogischen Zweigen
handelt es sich um den Schwerpunkt erziehungswissenschaftliche Unterrichtsfächer.
Alle berufsbildenden Anadolu-Gymnasien haben eine Vorbereitungsklasse wie
bei den allgemein bildenden. Je nach Schulzweig ändert sich jedoch die
Zahl der Jahrgänge. Einige berufsbildende Anadolu-Gymnasien haben auch
einen 13. Jahrgang, während die anderen nach dem 12. Jahrgang abschließen.
Auch die Wochenstundenzahl des Unterrichts ist unterschiedlich. Die Schüler
in berufsbildenden Anadolu-Gymnasien haben mindestens 40 Stunden Unterricht
in der Woche, also mehr als die Schüler der allgemein bildenden Anadolu-Gymnasien.
Der entsprechende Gesetzestext für
Anadolu-Gymnasien so zu verstehen, dass der fremdsprachliche Fachunterricht
monolingual stattfindet, d.h. in der jeweiligen europäischen Sprache. In
der Praxis findet er aber schon unter Berücksichtigung der Muttersprache
Türkisch statt. Nur in Anadolu-Gymnasien, in denen eine europäische Lehrkraft
zur Verfügung steht, wird er tatsächlich monolingual durchgeführt wie im
Istanbuler Knabengymnasium (Istanbul Erkek Lisesi) mit deutschen Fachlehrern.
Dies ist aber nur bei sehr wenigen Anadolu-Gymnasien der Fall.
Wegen der fehlenden qualifizierten
Lehrkräfte lassen die Ausführungsbestimmungen für Anadolu-Gymnasien, die
derzeit gültig sind, zu, dass der fremdsprachliche Fachunterricht auch
in türkischer Sprache erteilt werden darf:
Der Unterricht für Mathematik und
für die Naturwissenschaften wird in der Fremdsprache erteilt. Falls keine
Lehrkraft zur Verfügung steht, die diese Fächer in der Fremdsprache erteilt,
dürfen diese Fächer in Türkisch erteilt werden (Başbakanlık, 1999).
-18-
Im Gegensatz zur Türkei ist in Deutschland
der Einsatz der Muttersprache von Anfang an vorgesehen. Nach den Richtlinien
von Nordrhein-Westfalen soll der bilinguale Unterricht auch die Muttersprache
Deutsch fördern. In Rheinland-Pfalz z.B. soll die Muttersprache Deutsch
dadurch gefördert werden, dass man eine Zusatzstunde für den muttersprachlichen
Fachunterricht plant.
4. Bilinguale
Schulen in Deutschland
4.1 Kurzcharakteristik
Im Gegensatz zu türkischen bilingualen
Schulen handelt es sich bei den deutschen bilingualen Schulen um keine
eigenständige Schulform, sondern um Regelschulen mit bilingualem Unterrichtsangebot.
Da fast alle türkischen Sekundarschulen Gymnasien sind (liseler),
gibt es in der Türkei folgerichtig nur bilinguale Gymnasien. In Deutschland
bieten aber nicht nur Gymnasien bilinguale Bildungsgänge an, sondern auch
Real- und Gesamtschulen. Es gibt sogar einzelne Hauptschulen, die einen
bilingualen Sachfachunterricht anbieten.
In Deutschland gibt es seit 1969
Schulen mit bilingualen Zügen, die auf den deutsch-französischen Kooperationsvertrag
von 1963 zurückgehen. Bis 1973 gab es in Deutschland 24 bilinguale Schulen;
17 davon mit der Partnersprache Französisch und sieben mit Englisch (Loyall,
2000, 4). Bis Ende der 80er Jahre ist die Entwicklung der bilingualen Schulen
durch eine Stagnation gekennzeichnet. Seit etwa 1989 nahm einerseits die
Zahl der bilingualen Schulen zu, andererseits wurde Französisch durch Englisch
als Arbeitssprache überrundet. Parallel zu dieser Zunahme lässt sich eine
Ausdehnung der bilingualen Schulen auch auf Real- und Gesamtschulen beobachten
(Mäsch, 1995, 338. Ein aktueller Überblick über die bilingualen Bildungsgänge
wird in absehbarer Zeit veröffentlicht; vgl. Helbig, 2002).
1996 waren 68% der bilingualen Schulen
in Deutschland Gymnasien und 23% Realschulen (Thürmann, 2000), während
in der Türkei alle bilingualen Schulen Gymnasien waren und sind. Hinsichtlich
der Arbeitssprachen lässt sich feststellen, dass das Englische in beiden
Ländern dominiert; in Deutschland haben 71% und in der Türkei über 90%
der Schulen Englisch als Arbeitssprache.
Anhand von statistischen Angaben
wird deutlich, dass sowohl in der Türkei als auch in Deutschland die Zahl
der bilingualen Schulen zunimmt. Im Schuljahr 2000/01 ist die Zahl der
türkischen bilingualen Schulen auf 1.609 und die der deutschen auf 450
gestiegen.
In der Türkei wie auch in Deutschland
existiert eine Vorbereitungsphase auf den bilingualen Unterricht. In Deutschland
besteht die Vorbereitungsphase in den meisten Schulen aus den zusätzlichen
Stunden für den regulären Fremdsprachenunterricht in der 5. und 6. Klasse,
während die türkischen bilingualen Schulen mit 24-stündigem Fremdsprachenunterricht
in der Woche und erst im 9. Jahrgang versuchen, die Schüler auf den fremdsprachlichen
Fachunterricht vorzubereiten. Ein türkischer Schüler kommt jedoch in die
Vorbereitungsklasse nicht ohne Fremdsprachenkenntnisse, weil die türkische
Pflichtschule bereits ab der 4. Klasse die 1. Fremdsprache als Pflichtfach
einführt. Die Teilnahme an diesem Fremdsprachenunterricht ist bis Ende
des 8. Jahrganges obligatorisch.
-19-
Der fremdsprachliche Fachunterricht
in deutschen bilingualen Schulen, der im 7. Jahrgang beginnt, wird in Gymnasien
bis Ende des 13. Jahrganges durchgeführt. Die Dauer der bilingualen Bildungsgänge
kann also einschließlich der Vorbereitungsphase neun Jahre dauern, während
die türkischen Schüler nur vier Jahre einen bilingualen Bildungsgang besuchen
können. Inzwischen hat diese Form des bilingualen Unterrichts in Deutschland
einen Namen bekommen: German Model (Mäsch, 1995, 338 und Thürmann,
2000, 8) .
Zum German Model gehört nicht
nur der 9-jährige bilinguale Bildungsgang, sondern auch eine bestimmte
Gruppe der Sachfächer. In den meisten deutschen Schulen mit bilingualem
Unterrichtsangebot werden die Fächer Erdkunde, Geschichte und Politik in
einer Fremdsprache erteilt, während die türkischen bilingualen Schulen
nur Mathematik und Naturwissenschaften fremdsprachlich erteilen dürfen.
4.2 Zielsetzung
Die Staats- und Regierungschefs der
Europäischen Gemeinschaft vereinbarten im Dezember 1985 die Vollendung
des Europäischen Binnenmarktes bis zum Ende des Jahres 1992. Nach dieser
Vereinbarung fand im Schul- und Hochschulbereich eine neue Entwicklung
statt. Europa wurde von einem Randthema für Spezialisten zu einem Bestandteil
der bildungspolitischen Auseinandersetzungen. Die Förderung der europäischen
Identität rückte immer mehr ins Zentrum der Bildungsprogramme. In diesem
Zusammenhang wurde der bilinguale Unterricht in ein sprachenpolitisches
Konzept zum zusammenwachsenden Europa eingeordnet.
Da die Bundesrepublik Deutschland
kein zentralistisches Bildungswesen hat, können die Ziele der bilingualen
Schulen in den 15 Bundesländern regionale Abweichungen zeigen. Trotzdem
ergibt sich ein tendenziell homogenes Bild, wenn man die Ziele der einzelnen
Schulen vergleicht. Ein charakteristisches Beispiel zeigt in diesem Zusammenhang
z.B. das Zitat des Herbartgymnasiums in Oldenburg, in dem der neue Trend
zur Fremdsprachenkompetenz deutlich wird (Brandt, 2001):
Fremdsprachenkenntnisse
werden immer wichtiger: Europa wächst zusammen, und die weltweiten internationalen
Beziehungen gewinnen ständig an Bedeutung. Gerade die englische Sprache
spielt als Konferenzsprache in Politik, Wirtschaft und in fast jeder Wissenschaft
eine immer größere Rolle. Englisch ist die Geschäftsprache, die am schnellsten
wächst!
Im Untersuchungsbericht von Thürmann
wurden die Motive der Schulen aufgelistet, die einen bilingualen Zug eingerichtet
haben. Folgende Motive spielten am meisten eine Rolle: Europa-Kompetenzen,
Chancen im Studium und Beruf, Kommunikationsfähigkeit/allgemeine Sprachkompetenz
und interkulturelle Kompetenz (Thürmann, 2000). Verglichen mit den
türkischen bilingualen Schulen zeigen die deutschen bilingualen Schulen
die größte Übereinstimmung in der Zielsetzung „Chancen im Studium und
Beruf“ . Eine weitere Gemeinsamkeit besteht hinsichtlich der Zielsetzung
„weltweite Wissenschaftssprache“.
-20-
Der wichtigste Unterschied zwischen
der bildungspolitischen Zielsetzung der deutschen und türkischen bilingualen
Schulen ist im Bereich Europa-Kompetenzen festzustellen. Die englische
Sprache wird in Deutschland als Mittel zur Bildung einer zukünftigen europäischen
Identität eingesetzt. Die unverwechselbare Stellung der türkischsprachigen
gesellschaftswissenschaftlichen Fächer im türkischen Stundenplan deutet
jedoch daraufhin, dass in der Türkei eher eine eigenkulturelle Identität
gefördert werden soll.
In Deutschland dürfen die Schulen
grundsätzlich alle Fächer in der Fremdsprache anbieten, soweit sie über
die personellen und materiellen Voraussetzungen verfügen. In der Tat gibt
es heute einzelne deutsche Schulen mit bilingualem Unterrichtsangebot,
die auch Biologie, Sport, Arbeitslehre, Musik, Physik und Kunst in der
Fremdsprache anbieten. Wie bereits erwähnt, bieten aber die deutschen bilingualen
Schulen in der Regel Erdkunde, Geschichte, Politik und Sozialkunde in der
Fremdsprache an, während die türkischen bilingualen Schulen die Fremdsprache
als Unterrichtssprache nur in Mathematik und Naturwissenschaften einsetzen.
Nach der Bewertung der Arbeitsgruppe „Bilinguale Züge“ bei der Kultusministerkonferenz
werden die Schüler durch den Unterricht der Sachfächer aus dem gesellschaftswissenschaftlichen
Bereich zu kulturellen Mittlern herangebildet (Sekretariat, 1999).
Der Grund für die bilingualen sozialwissenschaftlichen
Fächer in der deutschen Schule liegt einerseits an den kulturellen Integrationsbemühungen
der Länder der Europäischen Union, andererseits an den Ausbildungsfächern
der heutigen Englischlehrer (Sekretariat, 1999, 16). Die meisten deutschen
Englischlehrer haben als zweites Unterrichtsfach ein sozialwissenschaftliches
Fach. Zur Zeit sind sie nicht in der Lage, einen englischsprachigen Mathematikunterricht
zu erteilen.
Diese pädagogische Gegebenheit wollen
aber die deutschen bilingualen Schulen nutzen, um Europa-Kompetenzen
und Weltoffenheit zu entwickeln. Sie wissen, wie wertvoll diese sprachlichen
und interkulturellen Kompetenzen im gemeinsamen europäischen Arbeitsmarkt
und in der globalisierten Welt sind. Das Gymnasium in Lohbrügge bringt
das folgendermaßen zum Ausdruck:
Neben Selbständigkeit, Teamfähigkeit
und Sprachkompetenz sind in einer globalisierten Welt auch Toleranz und
Weltoffenheit Schlüsselqualifikationen. Der bilinguale Unterricht erweitert
und öffnet den nationalen Blickwinkel bereits durch das verwendete Material.
Englische oder amerikanische Schulbücher, die ergänzend zu den bilingualen
Materialien deutscher Schulbuchverlage eingesetzt werden, vermitteln eine
fremde Sicht und somit Multiperspektivität. Der explizite Vergleich englischer
und deutscher Geschichtsbücher, etwa zu Themen wie Ausbruch des Ersten
Weltkriegs, führt zur Relativierung des nationalen Standpunktes. Die Zweisprachigkeit
birgt immer Lernchancen durch diesen Vergleich von Fremd- und Eigensicht
(Gymnasium Lohbrügge, 2001)
Mit diesen Worten wird eine bildungspolitische
Zielsetzung formuliert, die für fast alle deutschen Schulen mit bilingualem
Unterrichtsangebot gültig ist. Diese langfristige Zielsetzung zielt nicht
nur auf ein eventuell fremdsprachiges Hochschulstudium im In- oder Ausland,
sondern auch auf die Bildung der zukünftigen Europa-Bürger.
-21-
4.3 Unterricht
Unter dem German Model wird
generell das Unterrichtsangebot verstanden, das aus dem verstärkten Fremdsprachenunterricht
in der 5. und 6. Klasse und dem bilingualen Sachfachunterricht in der 7.–13.
Klasse besteht. Im 5. und 6. Jahrgang der deutschen bilingualen Schulen
erhalten die Schüler meistens um zwei zusätzliche Stunden verstärkten Fremdsprachenunterricht.
Das Fach Fremdsprache umfasst für diese Schüler 5+2 oder 6+2 Wochenstunden.
Damit zeigt sich ein großer Unterschied
zwischen der Vorbereitungsphase der türkischen und der deutschen bilingualen
Schulen. Die türkischen Schulen bieten 24 Wochenstunden Fremdsprachenunterricht
im 9. Jahrgang (Vorbereitungsklasse) an, während die deutschen Schulen
für den Fremdsprachenunterricht sieben oder acht Wochenstunden jeweils
im 5. und 6. Jahrgang vorsehen. Der frühe Beginn des verstärkten Fremdsprachenunterrichts
in Deutschland stellt einen psycholinguistischen Vorteil des deutschen
Modells dar. Ein weiterer Vorteil des deutschen Konzepts liegt darin, dass
das Erlernen der Fremdsprache auf die Jahre verteilt wird. Die Vorbereitungsklasse
der türkischen bilingualen Schulen gerät nicht zuletzt deshalb zunehmend
in die Kritik der türkischen Didaktiker, weil die Schüler bereits 15 oder
16 Jahre alt sind, wenn sie mit dem intensiven Sprachunterricht beginnen.
Aufgrund des föderalistischen Bildungssystems
können wir hier keine Stundentafel darstellen, die für alle bilingualen
Schulen in Deutschland verbindlich ist. In den meisten bilingualen Zügen
der deutschen Schulen ist aber für den Sachfachunterricht eine zusätzliche
Wochenstunde vorgesehen; damit könnte man pro Jahrgang von einem 3-stündigen
bilingualen Sachfachunterricht sprechen. In der Türkei wird der bilinguale
Fachunterricht nicht ab dem 7., sondern erst ab dem 10. Jahrgang erteilt,
und zwar bis Ende des 12. Jahrgangs. Innerhalb dieses kurzen Zeitraumes
bekommen aber die türkischen Gymnasiasten je nach dem Schulzweig ca. 10
Wochenstunden bilingualen Fachunterricht.
Um wenigstens ein Beispiel aus einem
bilingualen Zug einer deutschen Schule zu geben, stellen wir hier den Stundenplan
der englischsprachigen Fächer am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Unna dar
(2001):
Sprach-
und Sachunterricht im bilingualen Zweig am Geschwister-Scholl-Gymnasium
in Unna
|
Klasse/Jahrgang
|
Englisch
(Wochenstunden)
|
Erdkunde
(Wochenstunden)
|
Politik
(Wochenstunden)
|
Geschichte
(Wochenstunden)
|
|
5.
|
5+2
|
---
|
---
|
---
|
|
6.
|
5+2
|
---
|
---
|
---
|
|
7.
|
4
|
2+1
|
---
|
---
|
|
8.
|
4
|
2
|
2
|
---
|
|
9.
|
3
|
2
|
---
|
2
|
|
10.
|
3
|
---
|
2
|
2
|
11. 1. Hj
2. Hj.
|
3
6
|
3
3
|
---
|
---
|
|
12.
|
6
|
3
|
---
|
---
|
|
13.
|
6
|
3
|
---
|
---
|
-22-
Wie aus der obigen Tabelle hervorgeht,
wird in Deutschland in der 7. Klasse meist ein nichtsprachliches Sachfach,
z.B. Erdkunde, angeboten. In den darauf folgenden Jahrgängen kommen Geschichte
und Politik mit bis zu zwei zusätzlichen Stunden hinzu. Diese Sachfächer
werden in der Regel bilingual unterrichtet. Hier handelt es sich nicht
um den bilingualen Unterricht, in dem die Muttersprache und Fremdsprache
parallel eingesetzt werden. Vielmehr findet ein fremdsprachlicher Fachunterricht
unter Berücksichtigung der Muttersprache Deutsch statt. Die Einsatzform
der Muttersprache ist von Bundesland zu Bundesland verschieden.
Hinsichtlich der zeitlichen Organisation
des bilingualen Unterrichts zeigt sich ein wesentlicher zeitlicher Unterschied
zwischen dem türkischen und dem deutschen Konzept. Im deutschen Konzept
haben die Schüler meist nur ein bilinguales Sachfach in einem Jahrgang.
Damit wird im Vergleich zur Türkei ein sanfter didaktischer Weg geschlagen;
die türkischen Schüler müssen noch weitere drei Jahre warten, bis sie einen
fremdsprachlichen Fachunterricht bekommen. Aber dann müssen alle fremdsprachlichen
Fächer gleichzeitig gelernt werden. Hier ist die Belastung groß, weil einerseits
den Schülern ganz neue fachliche Konzepte und Schemata vermittelt werden
sollen, die in der Muttersprache Türkisch nicht gelernt wurden. Andererseits
müssen die neuen Konzepte und Schemata, die in der Muttersprache Türkisch
noch nicht gedanklich verarbeitet wurden, von vier Fächern (Mathematik,
Physik, Chemie und Biologie) vermittelt werden.
Bis heute (Mai 2002) hat die Kultusministerkonferenz
der Länder keine Empfehlung für den bilingualen Unterricht veröffentlicht.
Der bilinguale Unterricht, der in 15 Bundesländern durchgeführt wird, weist
verschiedene Formen auf. Mäsch spricht in diesem Zusammenhang von additivem
und integrativem Unterricht. In der additiven Form des bilingualen Fachunterrichts
gibt es zwei Fachlehrer, einen Muttersprachler und eine deutsche Lehrkraft,
die ihre Unterrichtsarbeit aufeinander abstimmen. Bei der integrativen
Form gibt es nur einen Lehrer, meist einen deutschen Fachlehrer, gelegentlich
aber auch einen Muttersprachler.
Ein weiterer Unterschied bezieht
sich auf die Lehr- und Lernmaterialien. Die deutschen Fachverlage haben
bereits angefangen, Lehr- und Lernmaterialien für den bilingualen Unterricht
zu veröffentlichen. In der Türkei werden noch die englischsprachigen Unterrichtsbücher
eingesetzt, die von ausländischen (englischen) Verlagen veröffentlicht
werden.
Die Erlasse oder Richtlinien der
einzelnen Bundesländer regeln, ob die Abiturprüfung in einem bilingualen
Sachfach deutschsprachig oder englischsprachig/französischsprachig abgelegt
wird. In diesem Punkt ist der Unterschied zwischen den türkischen und deutschen
bilingualen Schulen folgenschwer. Der deutsche Schüler eines bilingualen
Zuges kann seine fremdsprachlichen Fachkenntnisse bei der Abiturprüfung
zur Geltung bringen. Mit anderen Worten: diese Kenntnisse können zum Erwerb
der Hochschulreife und damit auch zum Erwerb eines Studienplatzes etwas
beitragen.
Bei einem türkischen Gymnasiasten
spielen die fremdsprachlichen Fachkenntnisse für den Erwerb eines Studienplatzes
kaum eine Rolle. Denn das gymnasiale Abschlusszeugnis in der Türkei ist
kein Hochschulreifezeugnis im deutschen Sinne. Das türkische Abschlusszeugnis
ist die erste Voraussetzung für einen Studienplatz, sie berechtigt aber
noch nicht die Vergabe eines Studienplatzes. Viel wichtiger und definitiv
entscheidender ist die zweite Voraussetzung: die Punkte, die man bei der
zentralen Universitätsaufnahmeprüfung bekommt. Für die 1,5 Millionen Gymnasialabsolventen
standen z.B. im Sommer 2001 nur wenige Studienplätze zur Verfügung. Da
nur jeder dritte Studienbewerber einen Studienplatz bekam, durfte die Mehrheit
der Schüler mit einem Gymnasialabschluss nicht studieren.
-23-
5. Schlussbemerkungen
Im Bereich des bilingualen Unterrichts
verfügen die türkischen Schulverwaltungen über eine längere statistische
Datensammlung als die deutschen Stellen. In Deutschland existiert keine
genaue Statistik über die Schulen mit bilingualem Unterrichtsangebot. Seit
Jahren lässt sich feststellen, dass der Anteil der türkischen bilingualen
Gymnasiasten an türkischen Universitäten höher ist als die Gymnsiasten
in türkischsprachigen Schulen. Im Herbst 2000 konnten nur 14% der Absolventen
der türkischsprachigen allgemein bildenden Gymnasien einen Studienplatz
bekommen. Bei den Absolventen, die ein bilinguales türkisches Gymnasium
(Anadolu-Gymnasium) besuchten, stieg dieser Prozentsatz auf 66 (Millî Eğitim
Bakanlığı, 2001, 233).
Hierbei kann diskutiert werden, inwieweit
der o.g. Anteil auf den fremdsprachlichen Unterricht in Anadolu-Gymnasien
zurückgeht. Zu einem bestimmten Teil geht dieser Erfolg auf die Schüler
selbst und auf die Privatunterrichtsanstalten (dersaneler). In der
Terminologie der deutschen Schulpraxis ausgedrückt, haben die meisten Schüler
an Anadolu-Gymnasien ein gutes oder sehr gutes Arbeits- und Sozialverhalten.
Dieses Verhalten erzielen sie aber nicht erst in Anadolu-Gymnasien. Vielmehr
können sie die strenge Aufnahmeprüfung für Anadolu-Gymnasien bestehen,
weil sie eben bereits über ein gutes Arbeits- und Sozialverhalten verfügen.
Dies ist der eine Aspekt. Den zweiten Aspekt bilden die privaten Unterrichtsanstalten,
die die türkischen Gymnasiasten speziell auf die zentrale Universitätsaufnahmeprüfung
vorbereiten. Generell besuchen die Schüler von Anadolu-Gymnasien 1-2 Jahre
nachmittags oder am Wochenende diese Bildungseinrichtungen, und zwar während
des letzten Gymnasialjahrganges. Weil die Fragen der Universitätsaufnahmeprüfung
türkischsprachig formuliert sind, kann der fremdsprachliche Unterricht
an Anadolu-Gymnasien nur einen begrenzten Einfluss auf die Erfolgsquote
ausüben. Wenn der Unterricht an Anadolu-Gymnasien (oder an anderen Gymnasien)
ausreichen würde, würden die türkischen Schüler sowieso keine privaten
Unterrichtsanstalten besuchen. In Deutschland wäre es interessant, später
zu vergleichen, ob die bilingualen deutschen Gymnasiasten eine höhere Abiturdurchschnittsnote
erzielen als die anderen Gymnasiasten. Dieser Vergleich ist jedoch nur
begrenzt möglich bzw. nur innerhalb eines Bundeslandes.
Unübersehbar bei dem Vergleich der
deutschen und türkischen bilingualen Schulen ist, dass beide Schulen das
Englische als lingua franca in der Unterrichtsarbeit einsetzen.
Da in beiden Ländern die Zahl der bilingualen Schulen zunimmt, kann behauptet
werden, dass sich eine gemeinsame Globalisierungssprache immer mehr etabliert.
Trotz dieser einseitigen Entwicklung
haben die bilingualen Schulen in beiden Ländern ernsthafte pädagogische
Probleme. Wir werden hier nur das Problem der bilingualen Lehrerausbildung
erwähnen. Denn der Anfang eines jeden bilingualen Unterrichts ist das Vorhandensein
der bilingual qualifizierten Lehrer. In beiden Ländern ist es schwierig,
bilingual qualifizierte Lehrer in ausreichender Zahl zu finden.
Einzelne deutsche Universitäten (Universität
Bochum, Universität Dortmund, Universität Köln und Universität Wuppertal)
und Studienseminare haben bereits angefangen, bilinguale Studiengänge oder
Studienprogramme anzubieten. Das Seminar für Sprachlehrforschung, das einen
bilingualen Studiengang anbietet, hat bereits angefangen, die umfangreiche
Bibliographie Bilinguales Lehren und Lernen zusammenzustellen und im Internet
anzubieten.
-24-
Auch im Rahmen der Lehrerforbildung
ist es für einen deutschen Lehrer möglich, im nachhinein eine fremdsprachliche
Qualifikation zu erwerben (z.B. in Bayern). Zwischen den bilingualen Studienangeboten
der deutschen Universitäten und den bilingualen Sachfächern gibt es eine
interessante Übereinstimmung: die Studiengänge sind in der Regel so konzipiert,
dass eine Fremdsprache mit einem gesellschaftswissenschaftlichen Fach kombiniert
werden kann. Diese Fächerkombination wird also dazu führen,
dass in naher Zukunft keine Änderung der Fächerwahl erfolgen wird. Mit
anderen Worten: die meisten Schulen werden weiterhin den bilingualen Sachfachunterricht
wie bisher in Erdkunde, Geschichte und Sozialkunde anbieten. Der bilinguale
Erdkunde-, Geschichts- und Sozialkundeunterricht wird also ein kontinuierliches
Merkmal des German Model bleiben.
In Anbetracht dieser Tatsache und
der ähnlichen Tendenz in den anderen Ländern der Europäischen Union stellt
sich für die Türkei, die sich um den Beitritt in die Europäische Union
intensiv bemüht, die Frage, ob die Zeit für einen bildungspolitischen Versuch
gekommen ist, und zwar den bilingualen Unterricht in den Fächern Geographie,
Geschichte und Sozialkunde an einigen Anadolu-Gymnasien unter wissenschaftlicher
Begleitung auszuprobieren.
Aus den Gründen, den wir im Abschnitt
1 (Einführung) und 3.3 (Zielsetzung)
erläutert haben, sind wir der Meinung, dass die europäische Dimension des
türkischen Bildungswesens durch den bilingualen Unterricht in den Sachfächern
Geographie, Geschichte und Sozialkunde ausgebaut werden kann.
Wie es aus dem folgenden Zitat hervorgeht,
hat das türkische Erziehungsministerium 1997 im Rahmenplan für den Fremdsprachenunterricht
im Primarbereich (4.–8. Jahrgang) bereits den Weg zu dieser bildungspolitischen
Bereicherung eröffnet:
Im frühen Fremdsprachenunterricht
soll ein Kind eine andere Kultur und die dort vorfindbaren Sozialisationsfaktoren
kennenlernen. Ein kindgemäßer Fremdsprachenunterricht soll Chancen eröffnen,
sich über fremde Kulturen zu informieren und sich in der Welt zu orientieren.
Indem das Kind fremde Kulturen kennen lernt und sich mit diesen auseinandersetzt,
wird einerseits seine Angst und Unsicherheit dem Fremden gegenüber bewältigbar;
auf der anderen Seite lernt es dadurch auch seine eigene Kultur besser
kennen. Dadurch kann ein Kind die angestrebten Grundhaltungen wie Toleranz
und Weltoffenheit erwerben. (Zitiert nach Tapan, 2000b, 43).
In diesem zitierten Ziel kommt ein wichtiger
Aspekt der interkulturellen Erziehung zur Sprache: das Kind kann durch
die Fremdsprache sowohl die fremde als auch die eigene Kultur besser kennen
lernen. Das ist nichts anderes als die bereits oben dargestellte Doppelperspektive,
die für ein friedliches Zusammenleben in der Europäischen Union notwendig
ist. Dieser interkulturelle Vorteil ermöglicht den Schülern die Fähigkeit
zu entwickeln, die erforderliche Flexibilität zur Modernisierung der eigenen
Identität zu üben. Denn die Identität ist kein statischer Zustand, sondern
ein dynamischer Prozess (vgl. Abali, 2000). Gerade die gesellschaftswissenschaftlichen
Unterrichtsfächer bieten didaktische Handlungssituationen, mit deren Hilfe
im Rahmen dieses dynamischen Prozesses Europa-Kompetenzen schulisch
gefördert werden können. Mit anderen Worten geht es hier nicht um die blinde
Ablehnung oder Akzeptanz der europäischen Kultur, sondern vielmehr um eine
synchronisierende Reflexion der europäischen Werte. Diese Form der Auseinandersetzung
mit europäischen Werten schließt die einseitige Nachahmung aus (z.B. nur
das Konsumverhalten der Europäer zu imitieren).
-25-
Die bisherige Erfahrung in deutschen
bilingualen Schulen bestätigt, dass die globale Stellung der eigenen und
der anderen Kultur mit Hilfe des bilingualen Unterrichts objektiver konkretisiert
und eingesehen werden kann als im normalen monolingualen Unterricht. Dies
ist die unverzichtbare Voraussetzung der geistigen und wirtschaftlichen
Entwicklung in einem Land. Denn die Modernisierung einer entwicklungswilligen
Gesellschaft braucht nicht allein die Gesellschaftswissenschaften oder
die Naturwissenschaften. Sie ist eine integrative Einheit, die die Wechselwirkung
aller Zivilisationsbereiche wie Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften,
Kunst, Sport u.a. bedingt.
[Eingereicht: 12/2001, überarbeitet: 5/2002]
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